Bibelvers der Woche 35/2019

Und die Knechte Sauls redeten solche Worte vor den Ohren Davids. David aber sprach: Dünkt euch das ein Geringes, des Königs Eidam zu sein? Ich aber bin ein armer, geringer Mann.
1.Sa 18,23

Hier ist der Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

„Gesicht“ fallen lassen

Die Geschichte hinter diesem Vers kommt im Religionsunterricht nicht vor. Ein Kampf zweier Männer strebt seinem ersten Höhepunkt zu. König Saul hatte den vitalen, intelligenten und zupackenden David an seinen Hof geholt. David ist charismatisch und erfolgreich. Jeder liebt ihn: das Volk und sogar die eigenen Kinder Sauls.. Der König hingegen leidet unter Depressionen, der Geist Gottes sei von ihm gewichen, heißt es bei Samuel. „Saul hat tausend erschlagen, aber David zehntausend“ singt das Volk, und tanzt dazu, und Saul kennt und hasst den Vergleich. Wo er David früher gefördert hat, will er ihn nun vernichten.

Saul baut eine Situation auf, die den jungen Emporkömmling überfordern soll. Er stellt eine Hochzeit mit seiner ersten Tochter Merab in Aussicht. David soll dafür „nur“ des Herrn Kriege gerecht führen, sagt Saul. Die Lockspeise ist vergiftet. Saul will seinen Unterführer in den Philisterkriegen zu Tode kommen lassen. David ist nichts und hat nichts, muss aber Ebenbürtigkeit beweisen und einen angemessenen Brautpreis bezahlen. Da der Preis nicht klar bestimmt ist, könnte Saul immer mehr fordern, solange, bis es schief geht. David macht sich klein und verzichtet, mit fast denselben Worten wie im gezogenen Vers: „Wer bin ich? Und was ist meine Sippe, das Geschlecht meines Vaters, in Israel, dass ich des Königs Schwiegersohn werden soll?“

Merab geht an einen anderen. Aber Saul hat eine jüngere Tochter, Michal. Diese liebt David, und Saul wiederholt sein Angebot. David wiederholt seine Antwort — das ist der gezogene Vers. Wieder nimmt er sich zurück. In der zweiten Runde sprechen David und Saul nicht mehr direkt miteinander, sondern nur noch über Knechte. Saul muss jetzt eine klare Ansage machen, eine dritte Runde wird es nicht geben. Er nennt einen sehr hohen, aber festen Preis: Der Bräutigam soll hundert Vorhäute getöteter Philister präsentieren. Mit seinen Männern überfällt David die Philister und bringt dem König doppelt so viel wie gefordert: zweihundert Vorhäute. Saul gibt ihm seine Tochter Michal zur Frau. Diese Runde geht an David: er hat nun den familiären Background, den er braucht. Aber das blutige Ringen geht noch lange weiter.

Davids Taktik erinnert an eine Szene auf dem Basar: er begrenzt sein Interesse, um Saul zur Abgabe eines festen Angebots zu bringen. Aber es ist mehr. David hat die Fähigkeit, in kritischen Situationen auf Status zu verzichten. Wenn man genau hinsieht, hat ihm dies zuvor bereits den Sieg über Goliath ermöglicht. Diesem gefürchteten Kämpfer war David als Gegner im Zweikampf formal gleichgestellt. Hätte er versucht, diese Rolle auszufüllen, wäre er verloren gewesen. Aber er verzichtet auf Rüstung und Schwert und sieht mit seiner braunen Haut und dem Hirtenstock so lächerlich aus, dass Goliath seine Deckung aufgibt und ihn nahe an sich herankommen lässt. David nutzt die Chance sofort. Auch in unserer Geschichte rettet sich David und siegt, indem er sich nicht wie ein Brautwerber verhält, nicht versucht, dem Brautvater gegenüber groß und prächtig aufzutreten. Er nimmt es in Kauf, sein Gesicht zu verlieren. 

Viel später geschieht noch einmal Vergleichbares (2. Sam 6,17-23). Als David alle Kämpfe und das Königtum gewonnen hat und die Bundeslade nach Jerusalem holt, springt und tanzt er mit nacktem Oberkörper und leinenem Priesterschurz vor der Lade; ganz und gar nicht wie ein König. Diesmal macht er sich vor Gott dem Herrn klein. Seine Frau Michal, die ihn geliebt hat und vor ihrem Vater rettete, versteht es nicht und verachtet ihn.

Es ist keine gute Idee, sich Rollenforderungen regelmäßig zu verweigern. Jeder, der etwas bewirken will — ein König allemal — muss Statusfragen ernst nehmen. Aber wenn diese den taktischen Spielraum so einschränken, dass das Ganze in Gefahr gerät, kann David sich davon lösen. Es fällt ihm sogar leicht, denn er bezieht seine Selbstachtung aus dem Ja Gottes, nicht aus dem „Gesicht“ in den Augen der anderen. Dies Motiv kehrt in den Psalmen immer wieder. Vielleicht ist dies die geistliche Botschaft hinter dieser nicht sehr schönen Geschichte: Wenn es ums Ganze geht, müssen wir uns klein machen können. Der Glaube kann uns die Kraft dazu geben.

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir immer klar sehen, worum es wirklich geht. 
Ulf von Kalckreuth

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