Bibelvers der Woche 30/2020

…und drei Reihen von behauenen Steinen und eine Reihe von Holz; und die Kosten sollen vom Hause des Königs gegeben werden;
Esr 6,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Drei Reihen von behauenen Steinen und eine Reihe von Holz

Nach einigen Versen aus den letzten Wochen zum Bau des ersten Tempels und dessen Zerstörung: hier ist einer zum Neubeginn! 

Es geht um die Anlage des zweiten Tempels nach dem Exil. Er wuchs in den folgenden Jahrhunderten zu einer riesigen Kultstätte. Der Anfang aber war klein und bescheiden: drei Reihen von behauenen Steinen und eine Reihe von Holz, lesen wir im Vers.

Was war geschehen? Der persische König Kyros hatte der von den Babyloniern verschleppten judäischen Elite die Rückkehr erlaubt. Die Nachkommen der Verschleppten hatten in Babylon eine neue Heimat gefunden; sie nahmen sogar gesellschaftliche Schlüsselstellungen ein, siehe den BdW 8/2020. Synagogen waren entstanden und Zentren der Gelehrsamkeit. Man muss sich die „Rückkehr“ als einen lange währenden Vorgang vorstellen, der nie ganz abgeschlossen war, wie einen Strom, eine lebendige Verbindung zwischen den Siedlungen jüdischer Intellektueller in Babylon und dem Stammland in Kanaan. Babylon blieb noch mehr als tausend Jahre geistiges Zentrum des Judentums.

Bald nach dem Edikt des Kyros im Jahr 539 v. Chr. wurde von den ersten Rückkehrern dem Gott Israels in Jerusalem ein Altar errichtet, so dass wieder Opfer gebracht werden konnten. Doch dabei blieb es zunächst. Der gezogene Vers beleuchtet den Versuch, auch einen Tempel zu errichten. Es gab spannende administrative Auseinandersetzungen darüber, ob den Juden dies eigentlich erlaubt sein solle oder nicht — hierzu siehe die Betrachtung zum BdW 38/2018. Nach Konsultation der Archive entschied König Darius, dass ein neuer Tempel gebaut werden solle. Wenn es sich um Darius II handelt, dem Nachfolger von Artaxexes, der den Bau des Tempels zunächst untersagt hatte, so geschah dies 423-404 v. Chr. — also mehr als hundert Jahre nach dem Beginn der Rückkehr! 

Aber was haben uns die Geschichten von Errichtung, Zerstörung und neuerlicher Errichtung der Tempelgebäude in Jerusalem eigentlich zu sagen? 

Der Tempel ist Ort der Gegenwart Gottes unter den Menschen. Tempel in diesem Sinne sind die beiden Völker Gottes. Für Johannes ist Jesus Christus der Tempel Gottes. Paulus spricht davon, dass die Gemeinden der Tempel Gottes seien. Und für die Mystiker des Mittelalters ist die Seele selbst, jedes einzelnen Menschen, Wohnsitz Gottes!

Wir lesen also nicht nur von einem Bau aus längst vergangener Zeit, sondern auch vom immer wieder erneuten Willen Gottes, mit seinem Volk zu leben, und dem Versuch der Menschen, ihrem Gott Raum zu geben. Und wir lesen, dass diese Versuche bescheiden und trotzdem erfolgreich sein können. Das ist ermutigend.

Das religiöse Leben in unserem Land unterliegt einem mächtigen Wandel, der durch Corona beschleunigt und aktualisiert wird. Viele Gemeinden werden an den Rand des Untergangs geführt, manche wohl auch darüber hinaus. Aber es wird Neubeginn geben. Und vielleicht ist das der Weg: Drei Reihen von behauenen Steinen und eine Reihe von Holz

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Eine Antwort auf „Bibelvers der Woche 30/2020“

  1. Jemand, der mir nahesteht, machte mich auf die Geschichte vom „innersten Pünktchen“ aus den Erzählungen der Chassidim von Martin Buber aufmerksam:

    Rabbi Jizchak Me’ir erging sich einmal an einem Spätsommerabend mit seinem Enkel im Hof des Lehrhauses. Es war Neumond, der erste Tag des Monats Elul. Der Zaddik fragte, ob man heute den Schofar geblasen habe, wie es geboten ist, einen Monat, ehe das Jahr sich erneut. Danach begann er zu reden: „Wenn einer Führer wird, müssen alle nötigen Dinge dasein, ein Lehrhaus und Zimmer und Tische und Stühle, und einer wird Verwalter und einer wird Diener und so weiter. Und dann kommt der böse Widersacher und reißt das innerste Pünktlein heraus, aber alles andere bleibt wie zuvor, und das Rad dreht sich weiter, nur das innerste Pünktlein fehlt.“ Der Rabbi hob die Stimme: „Aber Gott helfe uns: man darf’s nicht geschehen lassen!“
    Buber, Martin, Die Erzählungen der Chassidim, Zürich, Manesse 1949, hier zitiert aus der Ausgabe in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur 2010, S. 830

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