Bibelvers der Woche 29/2020

Denn als Gott der HErr gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Felde und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.
Gen 2,19

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Namen

Der Vers bringt uns zurück an den Anfang. Die Welt taucht auf aus ihrem Urgrund und ihre Konturen, die Unterscheidungen, werden eingezogen. Die Schöpfung wird zweimal erzählt. Die „erste“, jüngere Schöpfungsgeschichte berichtet einen geordneten kosmologischen Vorgang: Durch sein Wort schafft Gott Licht, Himmel, Meer, Pflanzen, Sterne, Mond und Sonne, Fische und Vögel, die Tiere des Feldes und schließlich Menschen, als Mann und Frau. Der zweite Schöpfungsbericht, der ältere, setzt eine Welt bereits voraus. Er berichtet von der Schöpfung erst des Mannes, dann der Tiere und schließlich der Frau. Adam wird nicht durch das Wort erschaffen, sondern in Gottes Händen aus Lehm geformt und durch seinen Atem belebt. 

Im älteren Bericht dient das Wort der Kommunikation mit dem Menschen. Gott schafft sich ein Gegenüber und setzt es in den Garten Eden. Jetzt wird gesprochen, vorher nicht: Gott bestimmt dem Menschen Grenzen für sein Tun. Dann will er dem Menschen ein Gegenüber schaffen, so wie er sich selbst ein Gegenüber geschaffen hat. Es geschieht das, wovon der gezogene Vers spricht: Gott schafft Tiere und bringt sie dem Menschen in den Garten Eden, um zu sehen, wie er sie nennen werde, denn so sollten sie fortan heißen. Dabei ist Gott passiv: er zeigt sie dem Menschen und hört zu, wie dieser die neuen Mitgeschöpfe seiner Welt verbalisiert.

Ein erstaunliches Bild. Der Mensch ist hier Partner im Schöpfungsvorgang, beinahe gleichberechtigt. Der Schöpfungsakt ist erst abgeschlossen, wenn das Geschöpf nicht nur physisch, sondern auch geistig in der Welt verankert ist, und diesen zweiten Teil führt — in Gottes Auftrag — der Mensch aus. 

Namen haben im alten Orient eine große Bedeutung. Durch Namensgebung wird ein Mensch ansprechbar und auch empfänglich für Fluch und Segen. Den Namen eines Menschen zu kennen, bedeutet ein gewisses Maß an Macht. Den Namen geben zu können, ist große, beinahe uneingeschränkte Macht. Der Name steht für den Wesenskern eines Menschen und seinen Platz in der Welt, und er definiert beides. Das Recht zur Namensgebung liegt bei den Eltern — das Buch Genesis berichtet von Namensgebung durch Mütter wie auch durch Väter — und sonst nur bei Königen und bei Gott. Gott und Könige können Namen ändern und den Menschen und seine Beziehung zur Welt dadurch gewissermaßen neu schaffen.

Namensgebung ist Unterscheidung, die Schaffung von Kategorien, die Möglichkeit, zu beschreiben, zu verstehen, zu planen. Der Vers spricht davon, dass wir einen eigenständigen, geistigen Schöpfungsauftrag haben. Das wir ihn, wenn er gelingen soll, als Partner Gottes, in seinem Auftrag ausführen sollen. Dass diese Schöpfung Leben schafft, belebt. 

Vielleicht weiss der Vers davon, was ein junger oder auch ein älterer Mensch mit seinem Leben anfangen kann. Ich will es gar nicht ausbuchstabieren. Es ein großes, schönes, ungeheuer archaisches Bild: Gott bringt dem Menschen seine Tiere und lauscht, wie er sie nennen werde!

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir Mitschöpfer sein können,
Ulf von Kalckreuth

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