Bibelvers der Woche 47/2018

Es sei ein Ochs oder Schaf, so soll man’s nicht mit seinem Jungen auf einen Tag schlachten.
Lev 22,28

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Nachhaltigkeit

Der Vers dieser Woche steht etwas verloren in einer Reihe von Bestimmungen darüber, welche Bedingungen ein Opfer erfüllen muss, um dem Herrn wohlgefällig zu sein bzw. ihm den Opfernden wohlgefällig zu machen. Das Buch Leviticus enthält viele Vorschriften, die sich in erster Linie an die Priesterschaft wenden, und es ist daher in mancher Hinsicht schwer zu lesen.

Der heute gezogenen Verses erinnert auch im Wortlaut stark an die Bestimmung in Ex 23,19, dass man das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen solle — woraus sich bei den Juden das zentrale Verbot ableitet, Milch gemeinsam mit Fleisch zu sich zu nehmen. In beiden Fällen geht es um die Achtung der Kontinuität über Generationen. Die Mutter und das Kalb gleichzeitig zu schlachten würde in vielen Fällen eine Generationenfolge zum Abbruch bringen. In der Welt des Alten Testaments ist dies eine unangenehme, ja schreckliche Vorstellung, selbst bei Tieren.

Eine andere Entsprechung gibt es beim Erstlingsopfer. Im Prinzip gehört jedes männliche Wesen, welches als erstes den Mutterschoß durchbricht, dem Herrn — Mensch oder Tier: „Deinen ersten Sohn sollst du mir geben. So sollst du auch tun mit deinem Stier und deinem Kleinvieh. Sieben Tage lass es bei seiner Mutter sein, am achten Tage sollst du es mir geben.“ (Ex 22,28b+29, siehe auch die Bestimmung in Ex 13,2). Und dabei ist für einen männlichen Säugling am achten Tag eigentlich die Beschneidung fällig…

In Exodus 34,19f wird diese unbedingte Anweisung aufgefangen: die Erstgeburt des Esels und der eigene erste Sohn müssen „ausgelöst“ werden, d.h. durch ein anderes Opfer ersetzt werden. Die Auslösung durch den Vater ist so wichtig, dass sie in Gen 22 eindrucksvoll narrativ kodifiziert wird: Abraham erhält den Befehl, seinen Sohn Isaak zu opfern. Er will diesen Befehl ausführen, ohne Widerrede, wird aber in letzter Sekunde von einem Engel daran gehindert, der ihm buchstäblich in den Arm fällt  — an Stelle seines Sohnes soll Abraham einen Widder opfern. Der Überlieferung nach hat sich dies an der Stelle zugetragen, wo später das Allerheiligste des Tempels stand und heute der Felsendom. 

Der Erstgeborene sichert die genealogische Linie. Das macht seinen besonderen Wert aus— er steht in der Hierarchie über den anderen Geschwistern direkt hinter dem Vater. Dieser besondere Wert macht ihn nun zwar einerseits zum „geborenen“ Opfer — er gehört Gott — andererseits stellt es ihn auch unter Gottes besonderen Schutz, wie ganz am Anfang schon den Kain, und später auch den Ismael. Das biblische Gesetz enthält hier Sicherheitsgurte vor der eigenen Konsequenz und schreckt dabei nicht vor offenen Widersprüchen zurück.

Eine gesegnete Woche, mit einem liebenden Blick über die Generationen hinweg, wünscht uns
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 43/2018

Das Feuer auf dem Altar soll brennen und nimmer verlöschen; der Priester soll alle Morgen Holz darauf anzünden und obendarauf das Brandopfer zurichten und das Fett der Dankopfer darauf anzünden.
Lev 6,5

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017. 

Feuer

Für Woche 5/2018 gab es einen Vers, der die Einrichtung des Brandopferaltars zum Thema hat — hier ist eine Bestimmung zu seinem Gebrauch. In die Zeit des Umherirrens in der Wüste passt der Vers nicht wirklich: Ein Brandopferaltar, groß genug zur Opferung ganzer Rinder, mit der Bestimmung, dass sein Feuer nie ausgehe und täglich geopfert werde? Wo sollte in der Wüste das Holz dafür herkommen, wo die Rinder, Schafe, Ziegen? Man muss hier eher an eine Regel aus der Zeit des Jerusalemer Tempels und seines Opferbetriebs denken.

Opfer ist Kommunikation mit der Gottheit — archaische Kommunikation über die Grenzen von Tod und Leben hinweg. Juden und Christen haben aufgehört zu opfern, aus unterschiedlichen Gründen. Bei den Juden erinnern die Morgen-, Mittags- und Abendgebete und ihre exakten Zeiten an die täglichen Opfer im Jerusalemer Tempel. Beim Morgengebet, dem Schacharit, werden u.a. Vorschriften über das Morgenopfer rezitiert, hier ist ein Link zu Wikipedia.

Die Christen entwickelten aus dieser jüdischen Tradition die Stundengebete. „Betet ohne Unterlass“, heißt es in 1. Thess 5,17, fast wie im ersten Satz unseres Verses:

            Das Feuer auf dem Altar soll brennen und nimmer verlöschen…

Der Tempel ist nicht mehr, aber der Vers und sein Beginn berühren augenblicklich. Das ewige Licht tritt vor Augen, aber auch die Erinnerung, dass Feuer in frühen Zeiten beinahe wie ein Schatz bewahrt wurde. Wenn es erlosch, musste man vielleicht weit gehen, um beim Nachbarn oder einer anderen menschlichen Siedlung wieder Glut zu bekommen.

Hinwendung zu Gott bedarf der Regelhaftigkeit. Vielleicht mit einem kurzen Dankgebet nach dem Aufwachen, noch vor dem Aufstehen — das jedenfalls fiel mir bei dem Vers ein. 

Opfer und Feuer, beides gehört zusammen. Was immer es auch ist, das heute und in unserem Leben den Platz des Opfers einnimmt: der Vers erinnert daran, dass das Feuer, die Energie dahinter, nie erlöschen soll. Leuchtend, verzehrend, aber auch ansteckend. Stetige Hingabe und Dauerhaftigkeit. Wärme. Eine Flamme im Herzen. Immer, nicht nur gelegentlich.

Eine solche Woche wünsche ich uns,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 34/2018

…daß eure Nachkommen wissen, wie ich die Kinder Israel habe lassen in Hütten wohnen, da ich sie aus Ägyptenland führte. Ich bin der HErr, euer Gott.
Lev 23,43

Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017

Der Vers steht im 3. Buch Mose (Levitikus). Das Buch befasst sich vornehmlich mit den Aufgaben der Priester, den unterschiedlichen Arten von Opfern, Festen, Reinheitsgeboten, sexuelle Verbote sowie Gebote allgemeiner Art für das menschliche Miteinander, im Anklang an die zehn Gebote. Abschnitt 23 führt die großen Feste ein, angefangen beim Schabbat. Der gezogene Vers steht in der Setzung des Laubhüttenfests, genannt Sukkot (Pl. von ‚Hütte‘). Im Christentum ist dieses Fest weitgehend unbekannt. 

Sukkot steht, ebenso wie die beiden anderen großen Opferfeste, ursprünglich in einem landwirtschaftlichen Zusammenhang. Es war ein Erntefest. Später wurde es religiös mit der Wüstenwanderung der Israeliten verbunden und sollte an die Zeit erinnern, in der man auf der Flucht in Laubhütten schlief, schutzlos, von Gott getragen. Die Feier dauert eine Woche, und das Fest ist ausdrücklich als „fröhliches Fest“ eingesetzt: „Ihr sollt am ersten Tage Früchte nehmen von schönen Bäumen, Palmwedel und Zweige von Laubbäumen und Bachweiden und sieben Tage fröhlich sein vor dem HERRN, eurem Gott“ (Vers 40). Vorgeschrieben waren Feueropfer; die Rituale zum Fest kreisen aber um Wasser, das lebensspendende Element. Im Johannesevangelium ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfests alle, die Durst haben, zu sich. Auch heute noch versuchen die Juden, möglichst viele der sieben Feiertage mit ihren Familien in improvisierten Laubhütten zu verbringen. Es ist eines der Hochfeste im Judentum, in diesem Jahr wird es vom 23. September bis zum 30. September gefeiert.

Die beiden anderen großen Wallfahrtsfeste der Juden, Pessach und Schawu’ot, haben die Christen mit modifizierter und weiterentwickelter Bedeutung als Ostern und Pfingsten in ihren Festkalender übernommen. Das Laubhüttenfest nicht. Gar nicht? 

Sein Charakter als Erntefest ist in unserem Entedank enthalten, und Schutzlosigkeit in Gottes Hand (Flüchtlinge, Krippe…) ist eine der vielen Frequenzen, auf denen unser Weihnachtsfest strahlt. 

Der Prophet Sacharja (Sach 14, 16-19) sagt, dass im messianischen Zeitalter Sukkot das allumfassende Regenfest sein wird, an dem die benachbarten Völker nach Jerusalem pilgern, um dort den HERRN anzubeten. Es wäre dann eine genuin messianische Feier, für Juden und Nichtjuden. 

Vielleicht fehlt uns ja doch noch ein wichtiges Fest…

Ich wünsche uns eine fröhliche Woche,
Ulf von Kalckreuth