Bibelvers der Woche 44/2018

Darum seufzt mein Herz über Moab wie Flöten, und über die Leute zu Kir-Heres seufzt mein Herz wie Flöten; denn das Gut, das sie gesammelt, ist zu Grunde gegangen.
Jer 48,36

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Strafe und Heil

Es gibt einen neuen Cluster in den Versen der Woche. In Woche 4/2018 hatten wir einen Vers aus einem „Spruch gegen Moab“ des Propheten Jesaja. In Woche 13/2018 gab es einen Vers von Jeremia, ganz in der Nähe des heute gezogenen, der vom Schicksal der Edomiter handelt. Heute geht es wieder um Moab, diesmal von Jeremiah. 

Die theologischen Literatur hat für solche Texte eine eigene Kategorie: „Fremdvölkersprüche“. Kontext der drei Verse ist die Vernichtung der staatlichen Strukturen in der ganzen Region durch die neubabylonische Okkupation unter Nebukadnezar, die für Juda in der Zerstörung des Tempels und der Wegführung der Elite in ein Exil gipfelte. Aber die Nachbarvölker waren auch betroffen. 

Moab war den Israeliten in Sprache und Kultur eng verwandt, aber ein „alter Feind“. Das Buch Genesis bringt beides recht morgenländisch zum Ausdruck. Demnach stammen die Moabiter ab von Lot, dem Bruder Abrahams. Dies aber in sehr schändlicher Weise: Nachdem Lot und seine beiden Töchter der Vernichtung Sodoms entronnen waren, machen die beiden Frauen in ihrem Wunsch nach Nachkommen ihren Vater betrunken und schlafen mit ihm. Das Ergebnis dieser Verbindung sind die Stammväter der Moabiter und der Ammoniter, einem anderen feindlichen Brudervolk. 

Wie umgehen mit großen Katastrophen?

Im AT, besonders im Buch der Könige und der Chronik, aber auch im Deuteronomium und den damit verbundenen Schriften, werden die Katastrophen in der Geschichte des jüdischen Volks in erster Linie als gerechte Strafe eines eigentlich zugewandten Gotts interpretiert. Die denkbaren Alternativen, dass der Gott Israels den Göttern der Sieger unterlegen sei oder der Bund nicht mehr gelte, werden verworfen. Die Interpretation ist sehr attraktiv: sie erklärt das jeweils Geschehene, vereinbart es mit dem Glauben an den Bund mit einem allmächtigen Gott, und ist nach vorne gewandt: Kehrt das Volk um, so kehrt auch die Gnade zurück. Sie ist Kern der Haltung, mit der die Juden die Zerstörung der staatlichen Strukturen, erst von Israel, dann von Juda, geistig überlebten, im Exil ihre Identität bewahrten und später Staat und Religion neu errichten konnten. Die Sichtweise steckt tief in der DNA der Bibel, auch des Neuen Testaments. 

Diese Sicht hat heute an Bedeutung verloren, auch bei den Juden. Große Katastrophen werden nicht mehr als kollektive Strafen gesehen. Man müsste die jüngere Geschichte sonst so sehen, wie einige ultraorthodoxe jüdische Gemeinschaften es tun: sie interpretieren den Holocaust mit der Brille des Deuteronomiums als gerechte Strafe für moralische Verfehlungen des jüdischen Volks, insbesondere für Assimilationstendenzen. Die Deutschen als Volk sind in dieser Sicht nicht einmal besonders böse, im Grunde unwichtig, die nationalsozialistische Gewaltherrschaft war schlicht ein Werkzeug Gottes. Wer aber möchte erwählt sein von einem solchen Gott?

Wenn Katastrophen keine gerechten Strafen sind, der Herr sie aber dennoch geschehen lässt, dann bleibt die Hoffnung auf ein göttliches Heil, das diese Katastrophen auffängt und auflöst, „die Tränen abwischt“. Das ist intellektuell nicht so einfach wie der Verweis auf die strafende Gerechtigkeit. Man muss bereit sein, über Wasser zu gehen und sich auf Dinge zu verlassen, die man nicht sieht. Jesus hat dieses Heil als „Reich Gottes“ bezeichnet, es ist vor uns, neben uns, um uns, in uns. Auch die Hoffnung auf Heil zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel, deutlich erkennbar schon in den Vätergeschichten. 

Die Spannung zwischen diesen beiden Sichtweisen lastet auf dem Vers und kommt in ihm zum Vorschein, wie unter einer dünnen Naht. Jeremia hält der Tradition die Treue. Das Schicksal Moabs ist selbst verschuldet und Ausfluss einer gerechten Strafe. Der Ratschluss des Herrn wird umfangreich zitiert und nicht in Frage gestellt, man liest gar: „Verflucht sei, wer des Herrn Werk lässig tut; verflucht sei, wer sein Schwert aufhält, dass es nicht Blut vergießt!“. Daneben aber steht die Trauer des Propheten. Immer und immer wieder bringt er Entsetzen und Trauer über die Geschehnisse zum Ausdruck. So oft, dass man versteht, dass es zum Kern der Kommunikation gehört. Das feindliche Brudervolk ereilt die gerechte Strafe. In älteren Teilen der Bibel wäre dies neutral oder mit Genugtuung berichtet worden. Hier nicht. 

Der Ratschluss des Herrn — und die Trauer des Propheten. Jeremia geht in den Spagat und muss darin bleiben. Er kann die beiden Pole nicht verbinden, in diesem Text jedenfalls nicht. Hilflose Worte für hilflose Trauer, das ergibt bei ihm ein sehr ungewöhnliches und inniges Bild: 

Darum seufzt mein Herz wie Flöten… 

Ganz am Ende, nach dem blutigen Höhepunkt der Untergangsvision, richtet Jeremia etwas verloren doch noch den Blick auf das Heil, in einem einzigen Satz: „Aber in der letzten Zeit will ich das Geschick Moabs wenden, spricht der HErr. Soweit das Gericht über Moab“.

Im Psalm heißt es: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden“. Ich wünsche uns eine Woche, in der wir von Katastrophen verschont bleiben.
Ulf von Kalckreuth