Bibelvers der Woche 39/2019

…kamen sie zu Gedalja gen Mizpa, nämlich Ismael, der Sohn Nethanjas, Johanan und Jonathan, die Söhne Kareahs, und Seraja, der Sohn Thanhumeths, und die Söhne Ephais von Netopha und Jesanja, der Sohn eines Maachathiters, samt ihren Männern.
Jer 40,8

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Trümmerblume

Viele Namen gibt es in diesem Vers… Die Geschichte Judas, die große Geschichte, die von Königen, Reichen, Armeen, Städten, Siegen und Niederlagen handelt, ist zu Ende. Jerusalem ist erobert und niedergebrannt, seine Mauern und Festungen geschleift, der König getötet, der Tempel beraubt und zerstört, ein Großteil der Einwohnerschaft hinweggeführt, soweit nicht vorher schon Hunger, Pest und Schwert das ihre getan hatten. All das, was Jeremia über lange Jahre hin immer deutlicher drohend über der Stadt hängen sieht und sagt, ist auf sie niedergefallen. 

Im Buch Jeremia gibt es zwei große, treibende Themen. Das eine ist die unabwendbar werdende Vernichtung, die sehr präzise geschildert wird, das andere die trotz allem weiterbestehende Heilszusage Gottes an sein Volk. Die beiden Motive schließen sich eigentlich aus, aber das Buch geht in einen akrobatisch anmutenden Spagat und hält sie gleichzeitig hoch. Das hat eine Menge mit unserem Leben zu tun, wenn man darüber nachdenkt.

Jeremia gelingt es nicht, die beiden Motive nachhaltig in eine Synthese zu führen. Die in aller Schärfe gestellte Frage wird eigentlich erst in den Evangelien beantwortet, in der Erzählung von Gottes Heil, das getötet wird und wieder aufersteht. Aber es gibt Andeutungen: Jeremia kauft einen Acker in seiner Heimatstadt Anatot, die ihn verstoßen hat und tut dies gefangen in einem Verlies in der Stadt Jerusalem, die ihrerseits ausweglos von Feinden umstellt ist. Er erhält von Gott die Zusage, dass die Zeit kommen wird, in der man wieder sät und erntet, in der geheiratet und vererbt wird. Und auch die Geschichte um unseren Vers spricht so. Die große Geschichte ist vorbei, aber die kleine Geschichte, die der Männer, Frauen und Kinder, kann weitergehen und sich vielleicht irgendwann wieder zu einer großen Erzählung zusammenfinden. 

Nebukadnezar hat Gedalja zum Statthalter ernannt. Gedalja kommt aus einer Familie von Ministerialen am judäischen Hof, die mit dem Königshaus nicht verwandt waren. Der Statthalter ist anfangs fast allein in Mizpa, das Land ist verwaist. Jeremia gesellt sich zu ihm, nachdem er seine Freiheit wieder erlangt hat. Aber auch andere kommen, einzelne Führer mit ihren Leuten. Der Satz, dessen zweiter Teil der gezogene Vers ist, lautet im Zusammenhang:

Als nun die Hauptleute, die samt ihren Leuten noch im Lande verstreut waren, erfuhren, dass der König von Babel Gedalja, den Sohn Ahikams, über das Land gesetzt hatte und über die Männer, Frauen und Kinder und über die Geringen im Lande, die nicht nach Babel weggeführt waren, kamen sie zu Gedalja nach Mizpa, nämlich Jischmael, der Sohn Netanjas, Johanan und Jonatan, die Söhne Kareachs, und Seraja, der Sohn Tanhumets, und die Söhne Efais von Netofa und Jaasanja, der Sohn eines Maachatiters, samt ihren Leuten

Gedalja beginnt mit dem Nächstliegenden. Es ist Erntezeit, und über allem Hauen, Stechen und Morden hat niemand mehr an das Korn auf dem Halm gedacht. Gedalja organisiert die Ernte. Das ist eine Saite, deren Schwingung Resonanz findet: nun kommen immer mehr Menschen zurück, die im ganz Juda und den angrenzenden Ländern verstreut sind, von überall her. Die Ernte fällt gut aus: sie „ernteten viel Wein und Sommerfrüchte“.

Gedalja sorgt ganz einfach dafür, dass das Leben weitergehen kann. Das ist machtvoll auf ganz eigene Art. Gedaljas Name bedeutet „Der Herr lässt wachsen“. Mir ist das Wort „Trümmerblume“ eingefallen. Von Blumen verstehe ich nichts, aber als ich sie im Internet fand, sah sie genau aus, wie ich sie mir vorstellte — die blaue Blume. Hier ist ein Link.

Leider endet die Geschichte traurig. Jischmael (Ismael im Vers), ein Davidianer aus der Königsdynastie, ist unter denjenigen, die zu Gedalja stoßen. Als so etwas wie eine nationale Wiedergeburt im Reich der Babylonier in der Luft zu liegen beginnt, tötet Jischmael mit zehn seiner Männer Gedalja und viele andere bei einem Mahl. Johanan, ein anderer der Hauptleute in unserem Vers, überwindet Jioschmael im Kampf, aber die übrigen verlieren allen Mut. Sie fliehen nach Ägypten, wo sich später ihre Spur verliert. Jeremia zieht mit ihnen. Seinen Acker in Anatot sieht er vermutlich nie. Die Juden gedenken Gedaljas mit einem Fastentag zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur.

Gedalja bleibt Episode. Aber seine Geschichte zeigt, wie es hätte gehen können. Wie nach der Katastrophe ein Neuanfang möglich gewesen wäre. Das Potential wird nicht realisiert, die alten Träume von Ruhm und Ehre Davids sind zu mächtig. Aber in Umrissen ist eine andere, alternative biblische Geschichte zu erkennen. Bei Jesaja steht: 

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. (Jes 43, 18-19)

Der Gedanke an das Vorige, das Vergangene und Verlorene, birgt Gift und hält uns ab, in die Welt hineinzuwachsen, die vor uns liegen kann, mit Gottes Hilfe, wenn wir es denn zulassen. 

Ich wünsche uns eine Woche, in der das Vorige uns nicht den Blick verstellt für das Neue.
Ulf von Kalckreuth