Bibelvers der Woche 7/2019

Doch so spricht der Herr HErr: Wenn die vierzig Jahre aus sein werden, will ich die Ägypter wieder sammeln aus den Völkern, darunter sie zerstreut sollen werden,…
Eze 29,13

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel von 2017.

Eine nicht erfüllte Prophezeiung

Liest man den Vers der Woche, so möchte man sofort stutzen: Wieso Ägypten? Was Ezechiel schreibt, hätte man ohne weiteres auf Juda beziehen können: von Eroberern zerstreut, sammelt es sich nach geraumer Zeit wieder aus den Völkern.

Aber Ägypten ist gemeint. Ezechiel prophezeit eine Niederlage des Pharao und eine vierzig Jahre andauernde, völlige Verwüstung des Landes als Strafe für den Hochmut seiner Herrscher und die Unzuverlässigkeit gegenüber dem Bündnispartner Israel. Im nachfolgenden Kapitel 30 gibt es eine weitere Prophezeiung, dergemäß der Untergang Ägyptens konkret durch Nebukadnezar von Babylon herbeigeführt werde. Auch die nachfolgenden Kapitel 31 und 32 behandeln den bevorstehenden Untergang Ägyptens. Ähnliche Visionen gibt es in Jesaja 19 und in Jeremia 46. Die drei großen Propheten sind sich über das Schicksal Ägyptens einig. 

Nun ging allerdings Ägypten nicht unter, nicht durch die Babylonier jedenfalls. Erst später, durch den persischen König Kambyses II, Sohn des Kyros, verliert das Land seine Unabhängigkeit. Aber auch dann wird es nicht verwüstet, sondern eher erneuert und zu Wohlstand geführt.

Was können wir anfangen mit einer nicht erfüllten Prophezeiung aus sehr ferner Zeit? Vielleicht ist das Bild wichtig, das die Propheten zeichnen. Die kulturelle und politische Großmacht Ägypten war immer geistiger Bezugspunkt für die Israeliten — oft gehasst, viel bewundert, manchmal auch geliebt. In Ägypten fand Josef Sicherheit vor seinen Brüdern und später sein Namensvetter vor Herodes. In Ägypten wurden die Israeliten ein Volk, aus Ägypten zogen sie durch die Wüste ins Heilige Land, geführt von einem Propheten, der einen ägyptischen Namen trug und am ägyptischen Königshaus erzogen wurde. Im Bündnis mit Ägypten wollten sie der babylonischen Herrschaft entkommen.

Beim Lesen von Ezechiels Text tritt mir mein eigenes Land vor Augen. Nach dem Krieg war Deutschland zerschlagen und verwüstet. Nach fünfundvierzig Jahren konnte es die Teilung überwinden. Wie einstmals Ägypten, so war Deutschland geistiger Bezugspunkt für die Juden, nicht erst in der Katastrophe, lange vorher schon und irgendwie auch nachher noch, for better or worse. Das jüdische Volk und Deutschland haben denselben Schutzpatron, den Erzengel Michael.

In den Visionen von Ezechiel und Jesaja ergeht es den Ägyptern perspektivisch wie dem jüdischen Volk. Bei Ezechiel eher negativ gefärbt, die Ägypter sinken politisch auf den Status von Juda herab: 

13 Denn so spricht Gott der HERR: Wenn die vierzig Jahre um sein werden, will ich die Ägypter wieder sammeln aus den Völkern, unter die sie zerstreut werden sollen, 14 und will das Geschick Ägyptens wenden und sie wieder ins Land Patros bringen, in ihr Vaterland; aber sie sollen dort nur ein kleines Königreich sein. 15 Sie sollen kleiner sein als andere Reiche und nicht mehr sich erheben über die Völker, und ich will sie gering machen, dass sie nicht über die Völker herrschen sollen,… (Eze 29, 13-15) 

Jesajas Prophezeiung ist rund hundertfünfzig Jahre älter. Der große Rivale Ägyptens heißt hier noch Assyrien. Auch Jesaja schließt in einer Parallelführung mit Israel, seine Vision aber ist ergreifend versöhnlich: 

22 Und der HERR wird die Ägypter schlagen und heilen; und sie werden sich bekehren zum HERRN, und er wird sich von ihnen bitten lassen und sie heilen. 23 Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien, dass die Assyrer nach Ägypten und die Ägypter nach Assyrien kommen, und die Ägypter samt den Assyrern werden dem Herrn dienen. 24 Zu der Zeit wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und Assyrien, ein Segen mitten auf Erden; 25 denn der HERR Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du, Ägypten, mein Volk, und du, Assur, meiner Hände Werk, und du, Israel, mein Erbe! (Jer 46, 22-25)

Der Herr sei mit uns in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth

Und daselbst kam des HERRN Hand über mich, und er sprach zu mir: Mache dich auf und gehe hinaus ins Feld; da will ich mit dir reden. 
Hes 3, 22

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ezechiel, auch Hesekiel genannt, war ein junger Tempelpriester, der von den Babyloniern aus seiner Heimat in Juda verschleppt worden war. Es war dies die sogenannte erste Verschleppung, die nur einen Teil der Elite betraf. Nebukadnezar von Babylon hatte zwar dem Großmachtstreben des jüdischen Staates ein brutales Ende bereitet und diesen Staat auf einen Kern rund um die Stadt Jerusalem reduziert. Aber noch stand sie, die Hochgebaute. Ihre Zerstörung in einem weiteren Krieg und die Verschleppung größerer Teile der jüdischen Bevölkerung stand erst bevor. 

Ezechiel lebte mit seinen Gefährten am Fluss Kebar in einer babylonischen Stadt namens Tel Abib —von der viel später die heutige israelische Hauptstadt ihren Namen erhielt. In den Abschnitten vorher wird erzählt, wie Ezechiel seine Berufung als Prophet erhielt: in einer überwältigende Vision begegnet er dem Herrn, der ihn in seinen Dienst nimmt. Nicht als beamteter Tempelpriester, sondern als Prophet. Und nun will der Herr ein zweites Mal das Wort an ihn richten. Der gezogene Satz oben lautet fast gleich wie Eze 1, 3, mit der sich die erste Erscheinung ankündigt. 

Wie mag sich das angefühlt haben? 

Ich wollte es nachspüren. Vielleicht richtete sich der suggestive Vers, den ich gezogen hatte, ja auch irgendwie an mich selbst. Bei der Dichte von Verpflichtungen beruflicher und privater Art kostete es mich fast eine Woche, bis ich überhaupt vor die Tür kam. Am Ende gelang es nur dadurch, dass ich beschloss, den Weg zur Arbeit zu Fuß zu gehen statt mit dem Fahrrad zu fahren. 

Durch das Niddatal, den Niddapark und den Grüneburgpark in die Innenstadt. Eine Stunde und zwanzig Minuten. Die Übersetzung des gezogenen Verses enthält eine Ungenauigkeit: es sollte eigentlich nicht „Feld“ heißen (hebräisch ßadé) sondern „Ebene“. Eigentlich ungewöhnlich — Gottesbegegnungen in der Bibel haben ihren Platz sonst eher im Gebirge oder in der Wüste. Als ich unterwegs war und über den Vers nachzudenken begann, verstand ich, dass ich vielleicht das richtige getan hatte. Die Verschleppten saßen in einer Stadt, die an einem Fluss lag. Wenn Ezechiel auf die „Ebene“ hinausgehen sollte, war damit gerade nicht Einöde und meditative Ruhe gemeint, sondern die Flussebene —ein zwar offener, aber belebter Raum, in dem Verkehr und Bewegung von und zu der Stadt stattfand. Vielleicht war Ezechiel in seinen Möglichkeiten eingeschränkt; wie ich, der ich nun auf dem Weg zur Arbeit die Nidda überquerte.

Auch in der Ebene allerdings ist man ungeschützt. Schon als ich das Haus verließ, war der Himmel dunkel. Recht bald wurde er schwarz, es begann zu regnen, Blitz und Donner gesellten sich dazu. Ich hatte von vornherein darauf verzichtet, wie sonst beim Gehen Musik zu hören, aber das Wasser, die Blitze und die sich in ein Matschfeld verwandelnde Landschaft um mich herum machte alles sehr konkret und real.  

Ich erinnerte mich, was ich von Ezechiel wusste. Unter Christen ist er neben den anderen beiden „großen“ Propheten Jeremias und Jesaja vergleichsweise wenig bekannt, weil seine Bilder von Gottes Erbarmen für die Zeit nach der Zerstörung nicht recht kompatibel sind mit den heilsgeschichtlichen Vorstellungen des Christentums. Für die Juden aber und ihre mystischen Traditionen sind seine Gottesvisionen von sehr großer Bedeutung, besonders die erste, die er genau beschrieben hat. 

Nach dieser ersten Begegnung war Ezechiel eine Woche lang „verstört bei seinen Gefährten gesessen“. Vermutlich wäre Ezechiel heute in einer geschlossenen Anstalt untergebracht worden. Direkte Begegnungen mit Gott werden in der Bibel als unerträglich beschrieben. Niemand kann Gott sehen, ohne zu sterben. Selbst Mose durfte (wie Ezechiel) nur ein Bild sehen, die „Herrlichkeit Gottes“. Als nun Gott ihn am Ende dieser Woche zu einem zweiten Treffen nach draußen fordert, weiß Ezechiel noch nicht, was auf ihn zukommt, aber die erste Erfahrung hat ihm noch in den Knochen gesteckt haben. .

Ezechiel weicht der — potentiell tödlichen — Begegnung nicht aus. Aber es war mir nun völlig klar, dass er große Angst hatte, und nicht ohne Grund. Diesmal erhält er einen konkreten Auftrag. Er soll die Umgebung vor der drohenden Katastrophe für Jerusalem warnen. Aber dies hatte wortlos zu geschehen: für lange Zeit verlor er die Sprache und war gezwungen, sich pantomimisch und mit Hilfe von Zeichnungen und selbstgebauten Modellen zu äußern. Dabei war Ezechiel ein am Wort orientierter, scharfsinniger und intellektueller Mensch. Sein Text ist verständlich und sprachlich beeindruckend, gut aufgebaut und scheint keine der redaktionellen Brüche und Überblendungen zu enthalten, die das Verständnis anderer Propheten so schwer machen. Und hinter der klaren Sicht spürt man eine große Wärme. In diesem Augenblick stand er mir sehr nahe. 

Gott kann sich auf viele Weisen äußern. Hier ist eine. Mittlerweile war ich durchnässt auf der Fußgängerbrücke über die Stadtautobahn angekommen. U- und Straßenbahnwagenfahrer streikten an diesem Tag. Der Verkehr in Frankfurt war völlig zusammengebrochen. Ich stand hoch oben und im Wolkendunkel war der Weg in die Stadt markiert mit einer stillstehenden rotleuchtenden Spur aus Rücklichtern. Nach hinten in die Gegenrichtung waren es weiße Lichter, bis zum Horizont. Und ich konnte mich selbst sehen, wie von noch weiter oben, völlig ungehindert und in angenehmen, schnellen Tempo über die Brücke gehend, in den Grüneburgpark hinein. Der Regen war nass, aber weiter kein Problem. Vor mir, im 29. Stock eines dreieckigen Hochhauses, lag eine Arbeit, die oft frustrierend war, oft aber auch interessant, die mir immer wieder neue Möglichkeiten eröffnet hat, und mich jenseits aller relevanten materiellen Sorgen stellt. Zu Hause erwarten mich eine Frau und zwei Kinder, drei komplizierte Menschen, alle auf ihre Weise wertvoll und kreativ, eigene Welten, an deren Werden, Wandeln und auch Vergehen ich beteiligt war. Am Nachmittag würde ich mir freinehmen und auf die Frankfurter Musikmesse gehen. Am Sonntag würde ich im Gottesdienst singen und Gitarre spielen. Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich mit meinem Gott sprechen oder auch mit den Propheten, wenn nötig auf Hebräisch, und in einigen Wochen würde ich wieder in Israel sein, in Jerusalem. 

Musik, Familie, Gott, Arbeit, Sprache, Bewegung. Und ich ging weiter durch das dampfende, brodelnde Aprilwetter. Phantastisch! Ich fand mein eigenes Leben auf einmal spannend, reich und interessant. Trotz meiner 55 Jahre. Lange Zeit hatte ich das nicht mehr gefühlt. Wer würde nicht mit mir tauschen wollen? Was hätte denn Ezechiel gewählt —sein eigenes Leben oder meins? Wohl doch sein eigenes, er hätte es für wesentlich und notwendig gehalten, trotz der Unzuträglichkeiten eines Daseins im sechsten vorchristlichen Jahrhundert im Allgemeinen und seiner schwierigen Lage im Besonderen.

Ja, und am Nachmittag wanderte ich im weiter strömenden Regen zum Frankfurter Messegelände und hatte dort drei Begegnungen mit großartigen Gitarristen, von denen ich wichtige Dinge lernte.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche!
Ulf von Kalckreuth