Bibelvers der Woche 36/2020

…, der niemand beschädigt, der dem Schuldner sein Pfand wiedergibt, der niemand etwas mit Gewalt nimmt, der dem Hungrigen sein Brot mitteilt und den Nackten kleidet,…
Hes 18,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Umkehr und rechtes Leben

Wieder Ezechiel/Hesekiel. Der Vers liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Vers der Woche 7/2018 — so nahe, dass die Betrachtung dazu gut auf den Vers dieser Woche passt, ich erlaube mir daher einen Verweis

Dem Propheten geht es um den Zusammenhang von Tun und Ergehen. Die überkommene Auffassung, gestützt durch Ex 34, 6+7 sieht diesen Zusammenhang eher locker: Sünden werden bestraft und gutes Verhalten belohnt, aber nicht notwendigerweise im Leben des Individuums selbst, sondern erst bei den Kindern und Kindeskindern. Großes Unglück ist immer die Folge von Sünde, aber es können auch die Sünden der Vorväter sein. Das kann zu Fatalismus führen — das von den Vorvätern verschuldete Unglück lässt sich ja nicht wenden und die Früchte einer möglichen Umkehr wird nicht der Umkehrende ernten, sondern vielleicht erst die Kindeskinder. 

Aber das ist Gift. Hesekiel kommt es auf Umkehr an. Er schreibt in einer Zeit der Krise: Das Volk und die einzelnen Menschen, die dazugehören, haben sich durch Gottesferne und Egoismus in eine verzweifelte Lage gebracht. Sie haben ihre Heimat verloren — sie leben im Exil, von den babylonischen Eroberern an einem fremden Ort angesiedelt. Der Text ist ein Weckruf: Die Folgen eures Verhaltens treffen euch unmittelbar: die positiven wie die negativen. An eurer Lage seid ihr selbst schuld, und ihr könnt es auch selbst wenden. Wenn ihr umkehrt, wird Gott sich euch zuwenden, in eurem eigenen Leben. Das klingt so gar nicht orientalisch, es klingt beinahe amerikanisch. 

Der gezogene Vers steht in der beispielhaften Beschreibung eines gerechten Menschen:

Wenn nun einer gerecht ist und Recht und Gerechtigkeit übt, der von den Höhenopfern nicht isst und seine Augen nicht aufhebt zu den Götzen des Hauses Israel, der seines Nächsten Frau nicht befleckt und nicht liegt bei einer Frau in ihrer Unreinheit, der niemand bedrückt, der dem Schuldner sein Pfand zurückgibt und niemand etwas mit Gewalt nimmt, der mit dem Hungrigen sein Brot teilt und den Nackten kleidet, der nicht auf Zinsen gibt und keinen Aufschlag nimmt, der seine Hand von Unrecht zurückhält und rechtes Urteil fällt unter den Leuten, der nach meinen Gesetzen lebt und meine Gebote hält, dass er treu danach tut: Das ist ein Gerechter, der soll das Leben behalten, spricht Gott der HERR (Hes 18, 5-9)

Und wenn sein Sohn es anders hält, wird er selbst die Folgen tragen und untergehen, und das beispielhafte Verhalten des Vaters wird ihm nicht helfen. Aber wenn der Sohn dieses Sohns lebt wie es recht ist, soll es ihm gut gehen, dem gewalttätigen und gottlosen Vater zum Trotz. Und wenn der gottlose Sohn selbst sich bekehrt, so kann er damit sein Schicksal wenden. Das gilt für den Einzelnen und — so meint es Hesekiel — auch für das Volk als ganzes. 

Unglaublich modern! Das Grundgesetz der westlichen Kultur. Yes, we can! Du selbst verantwortest dein Tun, und damit hast du dein Leben in der Hand. Es ist die Antithese zur orientalischen Auffassung vom Schicksal, und damit selbst ein wenig naiv, wie wir am Ende der Moderne wissen: Unser Ergehen ist (auch) von den Umständen geprägt, in die wir hineinwachsen, und die haben in der Tat einiges mit dem zu tun, wie unsere Väter gelebt haben, und viel auch mit dem, was in unserer unmittelbaren sozialen Umwelt geschieht. Manche Menschen haben manche Alternativen schlicht nicht. Aber das kann uns nicht aus unserer Verantwortung entlassen. 

Der Vers stößt uns noch auf etwas anderes. Hesekiel gibt eine anschauliche Beschreibung dessen, was rechtes (=“gerechtes“) Leben ist. Wenn man die Skizze liest, und auch das dazugehörige Kontrastbild des bösen Sohns im Anschluß, dann kann man es eigentlich recht gut vor sich sehen, das „rechte Leben“. Christen neigen dazu, Gottes Forderungen in einer Weise zu überhöhen, dass sie unerfüllbar scheinen, um sich dann mit dem Gedanken an Gottes Gnade, personifiziert durch Jesus Christus, zu beruhigen. Aber so ist es ganz sicher nicht gemeint. Mose sagt mit unübertroffener Klarheit:

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (Deut 31,11-14).

Wir bedürfen der Gnade, das ist sicher, aber vielleicht sollten wir auch einfach mal versuchen, ein rechtes Leben zu führen. Die Bibel gibt hierzu lebensnahe und praktischer Beispiele und mit den zehn Geboten klare Regeln. Hesekiels Katalog enthält einen Kern: Gottesfurcht, Rechtschaffenheit und Treue gegenüber den Mitmenschen, den Verzicht darauf, Notlagen anderer auszunutzen und das eigene Interesse über alle und alles zu stellen, sexuelle Integrität, tätige Nächstenliebe, Besonnenheit und eine Orientierung an Gottes Regeln, nicht den eigenen. 

Vieles davon ist sicher nicht unmöglich. Und wir selbst erhalten den Lohn: ein integres Leben, in dem wir selbst uns keine Fallen stellen und in dem der gute Wille, den wir unserer Umwelt entgegenbringen, auf uns zurückstrahlt. Und wo wir fehlen, wird Gottes Gnade uns über den Spalt tragen.  

Eine gesegnete Woche auf rechtem Wege wünsche ich uns allen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 35/2020

Und es wird geschehen zu der Zeit, wann Gog kommen wird über das Land Israel, spricht der Herr HErr, wird heraufziehen mein Zorn in meinem Grimm.
Hes 38,18

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Endkampf

Unser Vers ist aus der Apokalypse von Hesekiel / Ezechiel. Der Schluß des Buchs beschreibt das neue Jerusalem, den Tempel und den Dienst darin in der messianischen Zeit. Die vorangehenden Abschnitte 35-39 sind eine eher lockere Sammlung von Visionen zum Ende der alten Zeit und der Heraufkunft der neuen. Eine leibliche Auferstehung der Toten wird beschrieben und der Endkampf der dunklen Mächte gegen das erneuerte Israel unter Gottes Führung.

Gog ist Herr von Magog, eines mythisch-großen Reiches im Norden. In der Vision Hesekiels lockt Gott König Gog und seine Scharen ins Heilige Land, im Glauben, sie könnten das wiedererstandene Israel überfallen. Dort aber erwartet Gog und seine gewaltigen Heere die Vernichtung. Der Untergang der Heere Magogs wird ausdrucksstark beschrieben.  Der Vers zeigt den Moment, in dem der Vernichtungswille Gottes sich zu regen beginnt.

Es gibt Versuche, Magog mit realen Mächten der Zeit Hesekiels zu identifizieren, aber die Beschreibung der scheinbar unwiderstehlichen, aus vielen großen Völkern zusammengesetzten gewaltigen Streitmacht Gogs von Magog liest sich eher als Vergegenständlichung der dunklen Mächte dieser Welt, wie Saurons Scharen in Tolkiens „Herrn der Ringe und Darth Vaders Imperium im „Krieg der Sterne“. Die Parallelen sind nicht zufällig. Die faszinierende Welt Tolkiens ist deutlich durch christlich-jüdische Eschatologie geprägt — es gibt einen Gottesknecht und einen Messias — und George Lucas überträgt in seinem Film aus dem Jahr 1977 apokalyptische Vorstellungen aus der Bibel in eine massentaugliche Fantasiewelt aus Weltraum, Zen und Märchen. 

Apokalyptische Texte gibt es in der jüdischen Bibel — Hesekiel, Daniel, Micha und Sacharja — wie auch im Neuen Testament: in den Evangelien und in der Offenbarung des Johannes, siehe z.B. den Vers der Woche 5/2019. Sie beschreiben das Ende der alten Welt und den Übergang zu einer neuen, besseren. Der Übergang ist stets durch gewalttätige, vernichtende Auseinandersetzungen geprägt und meist durch einen Endkampf zwischen Gut und Böse.

Warum geht die Heraufkunft der Herrschaft Gottes in diesen Beschreibungen stets mit Krieg und Vernichtung einher? Die Zerstörung des Dunklen hat Zeichencharakter: „So will ich mich herrlich und heilig erweisen und mich zu erkennen geben vor vielen Völkern, dass sie erfahren, dass ich der Herr bin“, heisst es in Hes 38, 23. Das erinnert an die Plagen und die Vernichtung der ägyptischen Streitmacht beim Exodus. Der Endkampf liegt schlicht in der Logik dessen, was berichtet wird. Das Böse, so sehen es die Apokalyptiker, hat große Macht. Um es zu überwinden, muss es besiegt werden — ein Kampf muss sein. Die Härte dieses Kampfs ist kommensurabel mit der Macht, die dem Bösen zugeschrieben wird — wäre die Heraufkunft der messianischen Zeit so leicht wie der Regierungswechsel nach einer Bundestagswahl, könnte es nicht weit her sein mit der Macht des Bösen.

Aber da ist noch etwas. Apokalyptische Visionen sind unmittelbar überzeugend, weil sie eine enge Entsprechung zu einem Vorgang haben, den zwar keiner von uns erlebt hat, den aber jeder vor sich sieht: den eigenen Tod. Wie im Makrokosmos der Apokalyptiker steht für den Einzelnen der Untergang der Welt, wie er sie kennt, unverrückbar fest. Das Versagen einzelner Organe und der dadurch angestoßene Untergang des ganzen Systems mag in einzelnen Fällen Empfindungen hervorrufen, die den Stadien der Vernichtung in der Offenbarung verwandt sind. Und die Jenseitshoffnung des Einzelnen hat ihre Entsprechung in der Erlösungshoffnung für die Welt. Vielleicht ist beides gar dasselbe, übersetzt in eine andere Sprache. Schließlich besteht unsere große Welt aus den vielen Einzelwelten der Individuen, die geboren werden und sterben. 

Die vierte Strophe von „Nun bitten wir den Heiligen Geist“ handelt vom Weg in und durch den individuellen Untergang:

Du höchster Tröster in aller Not,
hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod, 
dass in uns die Sinne nicht verzagen, 
wenn der Feind wird das Leben verklagen. 
Kyrieleis.

So sind die apokalyptischen Bilder in eigentümlicher Weise ganz nahe am Kern des Glaubens. Wie unser eigenes Leben ist die Welt als Ganze letztlich irreparabel und dem Untergang geweiht. Aber in einem größeren Zusammenhang ist dieser Untergang aufgefangen und zum Heil gewendet. Wir dürfen gelassen sein und glücklich — inmitten einer gefallenen Welt! 

Eine gesegnete Woche wünsche ich uns allen,
Ulf von Kalckreuth