Bibelvers der Woche 17 / 2020

Der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben;
Luk 1,32

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Sohn des Höchsten — Menschensohn

Jesus selbst nennt sich oft den Menschensohn. Schon während seiner Lebenszeit und mehr noch danach gibt es Fragen und Auseinandersetzungen über seine Identität — Rabbi? Prophet? Messias? König? Sohn Gottes? Inkarnation des Herrn? Da steht er — wer ist er? 

Lukas trifft seine Festlegung ganz am Anfang, in einem Bericht aus der Zeit vor Jesu Geburt. Maria wird von einer Vision quasi überfallen: ein Bote Gottes besucht sie und spricht zu ihr:  

Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.

In ähnlich abrupter Weise waren kurz zuvor Zacharias und Elisabeth von der Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers überrascht worden. Elisabeth und Maria waren verwandt, und Lukas erzählt später, wie die beiden Frauen sich treffen. 

Lukas gibt uns hier zwei Bilder: Sohn des Höchsten und König an der Stelle Davids. Das ist stimmig — die Könige Israels wurden Söhne Gottes genannt. Lukas aber führt das Bild weiter: er berichtet von einer jungfräulichen Geburt und einer Zeugung durch den Heiligen Geist. Hier wird eine Verschränkung angedeutet, die über das Symbolische weit hinausgeht. Die Sohnschaft Jesu wird in Lukas‘ Bericht von Gott selbst zweimal bestätigt: in den Erzählungen zur Taufe Jesu durch Johannes, Luk 3,22 und seiner Verklärung, Luk 9,35.

Mit der Christologie gibt es in der Theologie ein Lehrgebäude, das sich mit dem Wesen und der Natur Christi auseinandersetzt und versucht, die vielen unterschiedlichen Zuschreibungen zu integrieren. Wahrer Mensch und wahrer Gott? Manchmal bin ich froh, kein Theologe zu sein. An dieser Stelle hätte ich vielleicht mein Studium abgebrochen. 

Aber der Bibelvers der Woche verlangt nicht so viel: immer nur ein Aspekt. „Gottes Sohn“ ist eigentlich vertraut. Wir alle selbst sind Kinder Gottes. In 3,23f listet Lukas den Stammbaum Jesu auf. Von Josef aus geht er über David zurück zu Adam, über 76 Generationen. Und zu Adam heisst es dann lapidar „Der war Gottes“. In besonderer Weise waren Söhne Gottes die Gesalbten, die von Gott mit einem Auftrag versehenen Könige. Und zuallererst derjenige, der das Reich Gottes in Israel und der Welt aufrichten soll, als König und Sohn Davids, Statthalter des Herrn.

Jesus teilt mit seinem Vater das Geheimnis. Und in Jesus sehen wir den Vater, in seinem Lichte sehen wir das Licht.

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 16 / 2020

Und wenn ihr schon schlüget das ganze Heer der Chaldäer, so wider euch streiten, und blieben ihrer etliche verwundet übrig, so würden sie doch, ein jeglicher in seinem Gezelt, sich aufmachen und diese Stadt mit Feuer verbrennen.
Jer 37,10

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Ruhe vor dem Sturm

Die Auseinandersetzung des judäischen Reichs mit der babylonischen Supermacht nähert sich dem Höhepunkt. Nebukadnezar hatte zuvor den widerspenstigen Vasallen bereits einmal zur Raison gebracht — er war in Jerusalem einmarschiert, hatte viele Bewohner als Gefangene weggeführt, einen Teil des Tempelschatzes geplündert und einen neuen König eingesetzt, Zedekia. Zum Amtsantritt schwor er Nebukadnezar einen Treueeid. Aber nach einigen Jahren schon will sich Zedekia sich selbständig machen — er baut auf die Unterstützung Ägyptens, des strategischen Gegners von Babylon und stellt die Tributzahlungen an Babylon ein. Nebukadnezar reagiert schnell und eilt mit einem Heer nach Judäa, besetzt das Umland und belagert Jerusalem.

Der Prophet Jeremia warnt schon lange Zeit vor dem Ränkespiel Zedekias, mit Visionen, die immer dringlicher und katastrophaler werden. Er zieht damit den Hass des Königs und der politischen Elite auf sich. Immer stärker gerät er unter Druck. Am Ende muß er in einer mit Schlamm gefüllten Zisterne um sein Leben kämpfen, so wie im Großen die eingeschlossene, untergehende Stadt.

Aber vor diesem Endspiel gibt es eine eigenartige Entspannung, ein retardierendes Moment. Die Ägypter nämlich halten ihre Zusage ein und schicken dem babylonischen König ein großes Heer entgegen. Nebukadnezar vermeidet die offene Schlacht, zieht sich ins Umland zurück und wartet einfach ab. Jerusalem ist scheinbar wieder frei.

Zedekia schickt Emissäre zu Jeremia. Vielleicht haben sich die schrecklichen Visionen Jeremias der neuen Situation angepasst? Vielleicht lässt sich der Bruch mit dem wortmächtigen und bekannten Propheten nun heilen?

Nein, sagt Jeremia, nichts da, der Untergang ist beschlossen, das Schicksal Jerusalems steht fest. Selbst wenn es den Truppen Judäas gelänge, die Babylonier in der Feldschlacht zu schlagen — ein Ding der Unmöglichkeit angesichts der Kräfteverhältnisse –, so würden die verwundeten Feinde aus ihren Zelten sich erheben wie Zombies und die Stadt dennoch niederbrennen!

Das klingt endzeitlich, und so ist es auch gemeint. In Jer 32-38 lassen sich die Bilder, die Jeremia in sich trägt, in der Auseinandersetzung mit Gott nachvollziehen. Die Prophezeiungen zum Untergang der Stadt ist unbedingt geworden, nicht wie früher an das Verhalten der Bewohner geknüpft. Aber genauso unbedingt mischt sich nun ein zweiter Klang in den ersten: die Stadt wird neu gebaut, wird wieder aufstehen, man wird (Jer 33,11) darin wieder hören den Jubel der Freude und der Wonne, die Stimme des Bräutigams und der Braut und „Und ich will einen ewigen Bund schließen, dass ich nicht ablassen will, ihnen Gutes zu tun, und will ihnen Furcht vor mir ins Herz geben, dass sie nicht von mir weichen“ (Jer 32,40).

Dieser Zweiklang eigentlich unvereinbarer Töne ist die bleibende Botschaft Jeremias — beide Teile dieser Botschaft haben sich erfüllt und erfüllen sich immer wieder neu, auch in unserem persönlichen Leben. Sie sind wie Karfreitag und Ostern, unvereinbar und doch untrennbar.

Ich wünsche uns eine gesegnete Osterwoche in unserer belagerten Zeit, 
Ulf von Kalckreuth