Bibelvers der Woche 42/2020

Alsdann werdet ihr an euer böses Wesen gedenken und an euer Tun, das nicht gut war, und wird euch eure Sünde und Abgötterei gereuen.
Hes 36,31

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Wüste bei Eilat

Und die Wüste wird blühen

In eigentümlicher Weise spiegelt unser Vers die Worte von Paulus über den Geist Gottes und das Gesetz im Vers der vorletzten Woche 40/2020. Hesekiel wurde von den Babyloniern verschleppt zu einer Zeit, als es das judäische Reich noch gab, an den Fluß Kebar in Mesopotamien. Er verfolgte den Untergang des Reichs und seiner Hauptstadt Jerusalem aus großer Entfernung, anders als Jeremia, der zur gleichen Zeit auf die Innenperspektive festgelegt war. Nach seiner Berufung zum Propheten war Hesekiel verstummt und musste sich mit seiner Umwelt mit Zeichen und Zeichenhandlungen auseinandersetzen — sprechen konnte er nur, wenn er Worte Gottes wiederzugeben hatte. 

Dann erreichte ihn die Nachricht vom Untergang der Stadt. Die Mauern gefallen, die Häuser verbrannt, der Tempel zerstört, die Einwohner der Willkür der Eroberer preisgegeben, soweit sie Feuer, Pest und Schwert überlebt hatten. Als geschehen war, vor dem er gewarnt hatte, löste seine Zunge sich und er konnte wieder frei sprechen. Wie einfach wäre es nun, zu verkünden, wie recht er doch die ganze Zeit hatte.

Statt dessen beginnt er über Dinge zu reden, die niemand sich jetzt vorstellen konnte: Eine Zeit, in der Israel und Judäa sich wieder sammeln aus vielen Völkern. Gottes große Gnade für sein Volk, das ihn so enttäuscht hat. Einen König wie David, von Gott gesandt. Ein neues Reich. Die Auferstehung der Toten. Ein Feldzug der Mächte des Bösen gegen die Kinder Gottes, der spektakulär scheitert (siehe Vers der Woche 35/2020). Und schließlich das neue Jerusalem, neue Grenzen, ein neuer Tempel. Wasser fliesst aus diesem daraus, das die Wüste fruchtbar macht — bis hin zum Toten Meer, das vor Fischen wimmeln wird. Immer eindrücklicher wird Hesekiels Beschreibung einer Welt, die niemand sieht ausser ihm…

Aber wie ist das möglich? Hat nicht Hesekiel selbst unbarmherzig immer wieder auf die dramatischen Verfehlungen des Volks hingewiesen und die unabwendbare Vergeltung der verletzten und enttäuschten Gottheit? Das sichere Ende? Denen widersprochen, die sagten, Gott werde sein Volk nicht im Stich lassen und am Ende könne nichts schiefgehen?

Gott spricht zu Hesekiel. Der Fall sei tatsächlich hoffnungslos, das Volk entehre den heiligen Namen des Herrn, wohin es auch kommt. Und daher — um seines heiligen Namens willen, und nicht etwa, weil das Volk gut sei — werde Gott dem Volk einen neuen Geist geben und ein neues Herz. Er werde es von seiner Sünde erlösen und rein machen, ihm das Land zurückgeben, es zu einem Paradies machen. Und dann, so sagt der Vers, wird das Volk erkennen, wie sehr es gefehlt hat! 

Die übliche Reihenfolge ist hier auf den Kopf gestellt. Die Vergebung erfolgt nicht aus dem Bewusstsein und dem Bekenntnis der Schuld, sondern die Verzeihung ist geschenkt, gänzlich a priori, nicht nur ohne Verdienst, sondern sogar ohne Schuldbewusstsein seitens der Menschen. Das Bewusstsein der Schuld folgt der Verzeihung, zeitlich und sachlich.

Das ist überraschend. Hesekiel spricht sonst meist von Schuld und Sühne. Aber es ist auch realistisch. Wenn Konflikte zwischen Eltern und Kindern eskalieren, funktioniert der einfache Mechanismus aus Schuldbewusstsein und Bitte um Verzeihung nicht. Er setzt innere Distanz voraus, die dem Kind in der Hitze des Gefechts völlig fehlt. Die Eltern sind schuld! Wenn dann Verzeihung nicht vorauseilt, findet gar kein Austausch mehr statt und die Bitte um Verzeihung wäre im schlimmsten Fall gelogen, ein Tribut an die größere Macht der Eltern. 

Hier ist es also wieder, rund 630 Jahre vor Paulus. Dieses sonderbare Versprechen vor dem Hintergrund der Katastrophe: Einen neuen Geist, ein neues Herz will ich euch geben und ihr werdet rein vor mir sein. Nicht euer Tun wird das zuwege bringen, sondern meines. Und die Wüste wird blühen!

Ich wünsche uns eine gesegnete Woche,
Ulf von Kalckreuth