Bibelvers der Woche 3/2020

Safed, Nordgaliläa

Und Manasse vertrieb nicht Beth-Sean mit den zugehörigen Orten noch Thaanach mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Dor mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Jibleam mit den zugehörigen Orten noch die Einwohner zu Megiddo mit den zugehörigen Orten; und die Kanaaniter blieben wohnen im Land.
Ri 1,27

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Identität

Aus der Wüste fallen Siedler in Palästina ein. Zwölf Stämme, sie sprechen Hebräisch. Es eint sie dies und der gemeinsame Glaube an einen Gott, der ihr Volk erwählt hat und ihnen dies Land zum Erbe bestimmt hat. Das Land soll gereinigt werden von seinen Bewohnern, die dort Städte gebaut und Landwirtschaft betrieben haben, seit mehreren tausend Jahren schon. Im Gelobten Land soll niemand wohnen als das Gottes Volk.

Aber so entwickeln sich die Dinge nicht. Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte nach dem Beginn der Landnahme gibt es weiterhin Siedlungstaschen, Ortschaften und befestigte Städte der früheren Einwohner, manche davon mächtig und übermächtig, wie die Philisterstädte am Meer. Die Eroberer sind unter sich vor allem in den unzugänglichen Gebirgszügen. Woanders leben sie Seite an Seite mit den Kanaanitern, manchmal freiwillig und im friedlichen Austausch, andernorts kriegerisch oder in stabilen Machtverhältnissen, als Tributpflichtige oder als Tributempfänger. 

Das ist die Lage nach den Eroberungsfeldzügen Josuas vor rund 3000 Jahren, wie die Bibel sie beschreibt. Der gezogene Vers ist eine Anklage: der Stamm Manasse erfüllt seinen Auftrag nicht! Wie andere Stämme auch. Im nächsten Abschnitt tritt der Engel Gottes auf und beklagt den Ungehorsam der Israeliten. Sie werden den unbedingten Schutz des Herrn verlieren.

Dahinter steht ein Alptraum, der sich wie ein roter Faden durch viele Teile des Alten Testaments zieht, vor allem die Bücher Deuteronomium, Josua, Richter und Könige: Die Israeliten vermischen sich mit den Völkern, verlieren ihre Reinheit, nehmen die Gewohnheiten der Kanaaniter an, heiraten ihre Frauen und verehren schließlich ihre Götter. Sie gehen verloren. Die Bücher durchzieht ein Schrecken vor der Durchmischung, dem Verlust der Identität.

Ich schicke diesen Vers aus Israel. Er passt gut, erschreckend gut, auf Palästina hier und jetzt. Und wirklich wird die Bibel mit Versen und Abschnitten wie diesen von ultraorthodoxen Juden als Vorlage für eine unnachgiebige Siedlungspolitik genutzt. Religionsgeschichtlich ist diese Lesart nicht „falsch“, soviel Realismus ist nötig im Umgang mit der Bibel. 

Eine andere Lesart gibt es. Wir alle haben ein Land zum Lehen erhalten — unser Leben. Wir können fragen, welche Siedlungstaschen unsere Reinheit vor Gott heute gefährden, unsere Identität. Wer sind uns Beth-Sean, Thaanach, Dor, Jibleam, Megiddo? Sind es Fremde und ihre Kultur? Oder eher unsere eigenen Gewohnheiten und Wege? Fernsehen, Faulheit, Achtlosigkeit? Alkohol und die neue elektronische Kultur, welche die Begrenzungen des Raums aufhebt und unsere Zeit in sich aufsaugt? 

Ich wünsche uns in dieser Woche Standhaftigkeit, Neugier und Vertrauen in Gottes große Kraft zum Guten, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 3/2019

Zu der Zeit war Moses geboren, und war ein feines Kind vor Gott und ward drei Monate ernährt in seines Vaters Hause.
Apg 7,20

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Stephanus vor dem Sanhedrin, Beit Gemal, Israel

Stephanus Rede

Ein eigentümliches Dokument: Apg 7 ist eine Zusammenfassung wichtiger Teile der alten biblischen Geschichte im Neuen Testament, gut und anschaulich geschrieben. Wie kommt es dazu? Stephanus, Judenchrist der ersten Stunde, wortgewaltiger und wundertätiger Missionar, wird in Jerusalem vor dem Hohen Rat der Häresie angeklagt. Auf die Frage des Hohepriesters „Ist das so?“ hält er eine Rede. Mit einer Wiedergabe der biblischen Geschichte bis zu den Propheten legt er dar, dass diese zwar, nach dem Willen Gottes, eine Heilsgeschichte ist, dieses Heil aber von den Erwählten wieder und wieder abgelehnt wird. Und nun sei der Träger des Heils, Jesus nämlich, ermordet und die Wahrheit werde verfolgt. Dies ist sehr genau gezielt — sind es doch die Pharisäer selbst, die die biblische Geschichte als Geschichte des Ungehorsams werten. Die Mitglieder des Hohen Rats geraten außer sich. Stephanus aber sieht, wie der Himmel über ihm sich öffnet und bekennt Jesus Christus. Er wird gesteinigt. Ein junger Mann, ein gewisser Saulus, beobachtet interessiert die Hinrichtung.

Der gezogene Vers führt den zentralen Heilsträger der jüdischen Geschichte, Moses, in Stephanus Erzählung ein. Stephanus tut das sehr knapp: Moses war ein „feines Kind“ vor Gott und blieb bei seinen Eltern drei Monate; er war also von Gott erwählt und ein echter Sohn seines Volks, nicht etwa ein Ägypter, wie man wegen seiner Erziehung am Hof des Pharao hätte meinen können.

Am Freitag bin ich Stephanus begegnet. Meine Tochter Mathilde und ich sind von einem israelischen Freund auf eine kleine Tour durch das Gebirge östlich von Beit Schemesch genommen worden. Einer der Orte, die wir sahen, war Beit Gemal. Dort steht heute ein italienisches Salesianerkloster an der Stelle, wo nach jüdischer und christlicher Tradition bereits im fünften Jahrhundert das Grab von Stephanus, Nikodemus und Gamaliel vermutet wurde. Gamaliel war gemäßigter Pharisäer, Gelehrter, Mitglied des Sanhedrin, Lehrer des Paulus und Mann des Ausgleichs (siehe Apg 5). Nikodemus, ebenfalls Pharisäer und Mitglied des Hohen Rats, wird im Johnannesevangelium mal als versteckter, mal als offener Sympathisant Jesu beschrieben. Hier und oben sind Bilder von Fresken, die Stephanus’ Befragung vor dem Hohen Rat und die nachfolgende Steinigung zeigen.

Stephans wird gesteinigt, Beit Gemal, Israel.

Den Vers dieser Woche hatte ich versehentlich schon vor dem Jahreswechsel gezogen und dann aufgehoben für eine Gelegenheit, bei der ich keine reguläre Ziehung vornehmen konnte. Dies war in der vergangenen Woche der Fall. Umso erstaunlicher für mich die unvermittelte Begegnung mit dem Heiligen und den beiden Pharisäern, die nicht in die Schublade passen — mein Freund hatte mir nicht erzählt, was es mit dem Ort auf sich hatte, und er wusste seinerseits nichts vom Bibelvers der Woche.

Ich schreibe diese Zeilen im Flugzeug von Jerusalem nach Frankfurt. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Was tun mit diesem schönen Vers? Moses war ein feines Kind vor Gott — „Dieser ist’s, der in der Gemeinde in der Wüste stand zwischen dem Engel, der mit ihm redete auf dem Berg Sinai, und unseren Vätern. Er empfing Worte des Lebens, um sie an uns weiterzugeben“ sagt Stephanus (Apg 7,38f). Ohne Moses sind Stephanus, Gamaliel, Paulus und Jesus selbst nicht denkbar. Stephanus weiß das sehr gut, kurz vor seinem Tod. Als Geschenk habe ich von dem Salesianerkloster eine Bibel in hebräischer Sprache mitgenommen, Altes und Neues Testament in einem Band… 

Ich wünsche uns allen eine gute Woche,
Ulf von Kalckreuth