Bibelvers der Woche 10/2019

Denn Gott hat alle beschlossen unter den Unglauben, auf daß er sich aller erbarme.
Röm 11,32     

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Dialektik: …und neun ist eins, und zehn ist keins…

Bei der Abfassung des Römerbriefs hat Paulus allen Grund, sich Gedanken über den Heilsweg seiner Volksgenossen zu machen. Er selbst hatte das Evangelium zu den Nichtjuden getragen. Der Erfolg seiner Mission dort stand im deutlichen Gegensatz zur Entwicklung unter den Juden. Diese hatten die Frohe Botschaft nur zu geringen Teilen angenommen. Aber diese Botschaft war doch eigentlich für die Juden bestimmt? Was wird aus ihnen?

Paulus musste sich gar seinen eigenen Erfolg vorwerfen lassen: quantitativ und qualitativ war das sich herausbildende Christentum durch die „Griechen“ geprägt. Diese hielten — von Paulus unterstützt — die jüdischen Gesetze nicht und das Christentum sah immer weniger aus wie eine jüdische Gemeinschaft und immer mehr wie eine nichtjüdische Religion. Unter diesen Umständen konnte die Mission unter den Juden nur noch begrenzten Erfolg haben. Die Bewegung der messianischen Juden ist heutigen Tags in Israel sehr erfolgreich, gerade weil ihre Mitglieder Juden bleiben und am Schabbat in die Synagoge gehen.

Paulus wiederholt zunächst stoisch das, was er und alle anderen Pharisäer von den Propheten gehört und angenommen hatten: das ganze jüdische Volk wird erlöst — von einigen individuellen Ausnahmen abgesehen vielleicht — sowie auch eine Auswahl an Nichtjuden. Für ihn als Proto-Christen gibt dabei nur einen Weg für Juden und Heiden: sie werden Jesus gläubig als ihren Erlöser annehmen. 

Was er uns nun vorstellt, als scheinbar in sich widersprüchliche Aussage, ist eine Art hegelianische Dialektik. Der Unglaube der Juden war Voraussetzung dafür, dass in größerem Umfang Heiden des Heils teilhaftig werden konnten. Dies sei Ausdruck der Gnade des Herrn. Nun aber werde diese Gnade auch den Juden selbst zufallen. Nicht aus eigener Kraft, aus eigenem Glauben werden sie nämlich das Heil erlangen, sondern durch die Barmherzigkeit Gottes, der an ihnen das Wunder vollbringen wird, wenn es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. „So hat er alle beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme“. In anderen Übersetzungen steht hier „eingeschlossen“ oder „verschlossen“ im Unglauben, wie in einem Gefängnis. 

Sonst ist bei Paulus der Glaube Weg zum Heil, sogar der einzige, hier ist es der Unglaube, der irgendwie den Keim für sein Gegenteil legt. Hätte Paulus dies auch so gesehen, wäre die Mission unter den Juden erfolgreicher verlaufen? Einige Zeit später jedenfalls war im riesigen römischen Reich das Christentum Staatsreligion geworden und die Juden waren zerstreut. Die Annahme des Christentums bedeutete für diese den Verlust der Identität. Es war dann durchaus Dialektik, die zur Entstehung der rabbinischen Theologie und des Talmud führte. 

Ich habe vor einigen Wochen von dem Grab bei Beit Schemesch berichtet, wo Stephanus, Gamaliel und Nikodemus gemeinsam beerdigt liegen. Es ist für mich nicht vorstellbar, dass die drei nicht gemeinsam auch der Gnade Gottes teilhaftig werden können. 

Damals behielt Paulus nicht Recht. Aber man kann auch aus nicht erfüllten Prophezeiungen lernen. Wie ist es denn heute? Wird der Unglaube der einen dazu führen, dass bei anderen die Glaubenskräfte wachsen? Kann dies dann auf die Gesellschaft insgesamt zurückwirken? Es gibt viel Dialektik im Leben. Das Christentum selbst ist voll davon. Der König der Welt kommt zu uns als Säugling im Futtertrog. Im Tod steckt der Keim der Auferstehung. Ein zerschlagenes, geängstigtes Herz ist die Schwelle zur Erlösung. Eine klassische dialektische Bewegung haben wir in Persien erlebt, als ein exilierter Mullah den Schah hinwegfegte und aus einer westlich orientierten Autokratie einen Gottesstaat machte, und vielleicht sehen wir im selben Land eine weitere Kehre. 

Möge uns in dieser Woche ein Weg, der nicht mehr weiterführt, umschlagen in sein positives Gegenteil. In meinem eigenen Leben fällt mir dazu manches ein. 
Ulf von Kalckreuth