Bibelvers der Woche 7/2020

Denn diese Nacht ist bei mir gestanden der Engel Gottes, des ich bin und dem ich diene,…
Apg 27,23

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017

Orkan, Glaube und Hoffnung

Auf unserer stochastischen Reise durch die Bibel begegnen wir manchen Gestalten immer wieder, so dass sich allmählich ihre Geschichte zusammensetzt. Im BdW 2019 KW 20 haben wir Paulus kurz vor seinem großen Ziel getroffen: Jerusalem. Er wollte dort vermitteln und integrieren, es war aber schon absehbar, dass es böse enden würde. In der Tat: Er wird verklagt und mit dem Tod bedroht. Als es unübersichtlich wird, zieht er den Joker und beruft sich — als römischer Staatsbürger — auf sein Recht, an den Kaiser zu appellieren. Das enthebt ihn der lokalen Justiz: seine Sache muss in Rom verhandelt werden. 

Er ist noch einmal davongekommen. Aber nun beginnt ein weiteres Abenteuer, denn seine Fahrt in Gefangenschaft nach Rom wird mühsam und gefährlich. Schließlich wollen seine Mitreisenden verzweifeln, darunter sowohl Glaubensgenossen wie auch römische Wachleute. Ein tagelang wütender Sturm hat das Schiff steuerlos gemacht. Die Mannschaft wirft alles Schiffsgerät über Bord und versucht dann, sich auf dem Beiboot abzusetzen, was die Soldaten gerade noch verhindern. Mitten im Sturm träumt Paulus – hier ist unser Vers: 

Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff wird untergehen. Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 

Und so geschieht es: das Schiff bohrt sich in den Strand der Insel Malta und zerbricht, aber alle Reisenden werden gerettet.

Geradezu tagesaktuell, dieser Vers, angesichts des Orkantiefs gestern Nacht… Viel kann einem da einfallen: die Träumer Josef und Daniel, die ihr Glaube aus Not und Gefangenschaft rettet. Aber auch Jesus auf dem See Genezareth, der den Sturm beinahe verschläft und von seinen Jüngern geweckt wird. Jonas, der Schiffbrüchige im Bauch des Wals. Paulus glaubt an seinen Weg, immer, und an den Schutz des Herrn, dem er gehört, und dem er dient, auch wenn dieser Weg ihn vor ein Gericht führt. Paulus fühlt sich behütet und beschirmt. Auch sehr viel später noch, in seiner Todeszelle: siehe den BdW 2018 KW 49. 

Noch etwas fällt mir ein: das Engellied von Rabbi Shlomo Carlebach. Er hat es als Nachtlied für seine Tochter geschrieben. Hier ein Link zum Lied, und unten der Text und meine Übersetzung:

Im Namen des Herrn, des Gottes Israels:Michael ist zu meiner Rechten, Gabriel zu meiner Linken,Uriel ist vor mir und Rafael hinter mir, und über meinem Kopf, über meinem Kopf, ist Gottes Gegenwart!בְּשֵׁם הַשֵּׁם אֱלֹהֵי יִשְׂרָאֵל, מִימִינִי מִיכָאֵל, וּמִשְּׂמֹאלִי גַּבְרִיאֵל, וּמִלְּפָנַי אוּרִיאֵל, וּמֵאֲחוֹרַי רְפָאֵל, וְעַל רֹאשִׁי וְעַל רֹאשִׁי שְׁכִינַת אֵל

Rundum beschirmt. So wünsche ich es uns für diese Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 20/2019

Als wir aber solches hörten, baten wir und die desselben Ortes waren, daß er nicht hinauf gen Jerusalem zöge.
Apg 21,12

Hier ist der Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Reise nach Jerusalem

Das ist eines unserer Cluster: Paulus auf der Reise nach Jerusalem, siehe auch die BdW 2018 KW 28 und 2018 KW 30. Die Anbindung an den Mutterboden, die judenchristliche Gemeinschaft mit Zentrum in Jerusalem, war schwach geworden. Paulus lässt in den griechischen Gemeinden für die „Heiligen“ in Jerusalem sammeln und will das Geschenk nach Jerusalem bringen, auf Ausgleich bedacht.

Paulus und seine Gefährten haben Griechenland hinter sich gelassen, sind an Zypern vorbeigefahren und über Tyrus ins Heilige Land nach Cäsarea gelangt. Im Hause von Philippus, eines Führers der Christengemeinschaft (der übrigens vier Töchter hatte, „Jungfrauen, die alle prophetisch redeten“) begegnet er einem Propheten. Dieser nimmt Paulus Gürtel, bindet sich die Hände und sagt: „Den Mann, dem der Gürtel gehört, werden die Juden binden und den Heiden überantworten“. Und Paulus’ Gefährten sagen ihm: „Tu‘s nicht!“ — das ist der Vers.

Eines Propheten hätte die Warnung freilich nicht bedurft: Paulus selbst sieht in Apg 20,22ff die Katastrophe kommen, und auch seine Anhänger wussten Bescheid. Es war mit Händen zu greifen: schon in Ephesus und auf der weiteren Schiffsreise ging es um sein Leben. Paulus hatte Nichtjuden zu Anhängern des Gottes der Juden gemacht, in großem Stil, und ihnen gesagt, dass die Torah für sie nicht gelte, weil es im Kern nicht auf das Gesetz ankomme, sondern auf seine Überwindung in Jesus Christus. Eine neue Religion war im Entstehen. Das war schon für Judenchristen sehr schwierig. Für die „ultraorthodoxen“ unter den Juden öffnete Paulus die Heilsgemeinschaft der Juden für Menschen, die nicht dazugehören und gleichzeitig wurde das Gesetz diskreditiert. Und dies durch einen pharisäischen Schriftgelehrten — das war unerträglich!

Hier war also die Verabredung — alles ist vorbereitet, er wird erwartet, führt Geld mit sich und ein wichtiges Anliegen. Aber auch die konkrete Vorahnung der Katastrophe. Treffpunkt Jerusalem: dorthin führte auch die letzte Wanderung Jesu, der ebenfalls wusste, was ihn dort erwartete. Auch an Stephanus mag Paulus gedacht haben, dessen Tod er selbst beigewohnt hatte. War Paulus frei? Hätte er sich zu diesem Zeitpunkt, angesichts der düsteren Prophezeiung und der Bitte der Gefährten, für einen Abbruch entscheiden können? Mehrmals vorher ist er Situationen ausgewichen, die lebensgefährlich zu werden drohten. 

Paulus setzt seine Reise nach Jerusalem fort, hinein in ein ungewisses Feld aus Dunkel und Licht; er hält seine Verabredung ein. 

Mir hat der Vers ein wenig geholfen, mit dem BdW der letzten Woche umzugehen. Den Vers zu Paulus zog ich nämlich versehentlich beim Abspeichern des Verses zum Genozid an den Midianitern. Ich dachte kurz daran, Apg 21,12 als alternativen BdW für die KW 19 gelten zu lassen. Als ich mir diesen aber näher betrachtete, verstand ich, dass es nicht möglich war.

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir die Kraft haben, wichtige Verabredungen einzuhalten.
Ulf von Kalckreuth 

Bibelvers der Woche 3/2019

Zu der Zeit war Moses geboren, und war ein feines Kind vor Gott und ward drei Monate ernährt in seines Vaters Hause.
Apg 7,20

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Stephanus vor dem Sanhedrin, Beit Gemal, Israel

Stephanus Rede

Ein eigentümliches Dokument: Apg 7 ist eine Zusammenfassung wichtiger Teile der alten biblischen Geschichte im Neuen Testament, gut und anschaulich geschrieben. Wie kommt es dazu? Stephanus, Judenchrist der ersten Stunde, wortgewaltiger und wundertätiger Missionar, wird in Jerusalem vor dem Hohen Rat der Häresie angeklagt. Auf die Frage des Hohepriesters „Ist das so?“ hält er eine Rede. Mit einer Wiedergabe der biblischen Geschichte bis zu den Propheten legt er dar, dass diese zwar, nach dem Willen Gottes, eine Heilsgeschichte ist, dieses Heil aber von den Erwählten wieder und wieder abgelehnt wird. Und nun sei der Träger des Heils, Jesus nämlich, ermordet und die Wahrheit werde verfolgt. Dies ist sehr genau gezielt — sind es doch die Pharisäer selbst, die die biblische Geschichte als Geschichte des Ungehorsams werten. Die Mitglieder des Hohen Rats geraten außer sich. Stephanus aber sieht, wie der Himmel über ihm sich öffnet und bekennt Jesus Christus. Er wird gesteinigt. Ein junger Mann, ein gewisser Saulus, beobachtet interessiert die Hinrichtung.

Der gezogene Vers führt den zentralen Heilsträger der jüdischen Geschichte, Moses, in Stephanus Erzählung ein. Stephanus tut das sehr knapp: Moses war ein „feines Kind“ vor Gott und blieb bei seinen Eltern drei Monate; er war also von Gott erwählt und ein echter Sohn seines Volks, nicht etwa ein Ägypter, wie man wegen seiner Erziehung am Hof des Pharao hätte meinen können.

Am Freitag bin ich Stephanus begegnet. Meine Tochter Mathilde und ich sind von einem israelischen Freund auf eine kleine Tour durch das Gebirge östlich von Beit Schemesch genommen worden. Einer der Orte, die wir sahen, war Beit Gemal. Dort steht heute ein italienisches Salesianerkloster an der Stelle, wo nach jüdischer und christlicher Tradition bereits im fünften Jahrhundert das Grab von Stephanus, Nikodemus und Gamaliel vermutet wurde. Gamaliel war gemäßigter Pharisäer, Gelehrter, Mitglied des Sanhedrin, Lehrer des Paulus und Mann des Ausgleichs (siehe Apg 5). Nikodemus, ebenfalls Pharisäer und Mitglied des Hohen Rats, wird im Johnannesevangelium mal als versteckter, mal als offener Sympathisant Jesu beschrieben. Hier und oben sind Bilder von Fresken, die Stephanus’ Befragung vor dem Hohen Rat und die nachfolgende Steinigung zeigen.

Stephans wird gesteinigt, Beit Gemal, Israel.

Den Vers dieser Woche hatte ich versehentlich schon vor dem Jahreswechsel gezogen und dann aufgehoben für eine Gelegenheit, bei der ich keine reguläre Ziehung vornehmen konnte. Dies war in der vergangenen Woche der Fall. Umso erstaunlicher für mich die unvermittelte Begegnung mit dem Heiligen und den beiden Pharisäern, die nicht in die Schublade passen — mein Freund hatte mir nicht erzählt, was es mit dem Ort auf sich hatte, und er wusste seinerseits nichts vom Bibelvers der Woche.

Ich schreibe diese Zeilen im Flugzeug von Jerusalem nach Frankfurt. Das Flugzeug setzt zur Landung an. Was tun mit diesem schönen Vers? Moses war ein feines Kind vor Gott — „Dieser ist’s, der in der Gemeinde in der Wüste stand zwischen dem Engel, der mit ihm redete auf dem Berg Sinai, und unseren Vätern. Er empfing Worte des Lebens, um sie an uns weiterzugeben“ sagt Stephanus (Apg 7,38f). Ohne Moses sind Stephanus, Gamaliel, Paulus und Jesus selbst nicht denkbar. Stephanus weiß das sehr gut, kurz vor seinem Tod. Als Geschenk habe ich von dem Salesianerkloster eine Bibel in hebräischer Sprache mitgenommen, Altes und Neues Testament in einem Band… 

Ich wünsche uns allen eine gute Woche,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 30/2018

Diese gingen voran und harrten unser zu Troas.
Apg 20,5

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Wir sind wieder auf einer Missionsreise des Paulus durch die griechisch geprägten Landschaften Europas und Kleinasiens, der dritten Reise. Sie führt zunächst von Antiochien nach Ephesos. Dort gab es einen großen Tumult, und der Apostel wich nach Korinth aus. Vermutlich wurde dort der Römerbrief geschrieben, aus dessen Schlusskapitel vor zwei Wochen der BdW gezogen wurde. Von seinem Plan, von Korinth aus nach Syrien überzusetzen — vermutlich um die Gabe zu überbringen, von der im BdW der KW 28 die Rede war — musste er wegen konkreter Drohungen Abstand nehmen. Stattdessen begab er sich auf einem langgezogenen Seeweg in Küstennähe zurück nach Kleinasien, unter anderem über Troas, um von dort nach Jerusalem zu gelangen. Er hatte es sehr eilig, weil er rechtzeitig zum Pfingstfest Jerusalem erreichen wollte. Dort wurde er einige Zeit später gefangen genommen.  

Hier, in Troas, der Landschaft rund um das antike Troja, stößt Lukas hinzu, der Ich-Erzähler der Apostelgeschichte. Paulus hat es eilig und will weiterkommen. Er will aber die Gelegenheit nicht versäumen, den Glauben derer zu stärken, die er bei zwei früheren Aufenthalten für Jesu gewonnen hatte. Er hält eine Predigt bis tief in die Nacht hinein. Eutychus, ein junger Mann, sitzt in einem Fenster und schläft über der Predigt ein. Er fällt hinab und wirkt wie tot. Paulus eilt zu ihm und verkündet, es sei noch Leben in ihm. Er setzt den Besuch fort bis der Tag anbricht und verlässt den Ort. Eutychus aber kommt tatsächlich wieder zu sich. 

Was können wir dem gezogenen Vers entnehmen, der so unmittelbar an den vor zwei Wochen gezogenen anschließt? Paulus war unterwegs auf einem chaotisch anmutenden Weg durch den Ostteil des riesigen römischen Reiches. Diesen Pfad entlang blieb fast jede Einzelheit dem Zufall überlassen, anders war es nicht möglich. An mehreren Stellen läuft es völlig anders als geplant. Sein großes Ziel, Jerusalem und das Wiedersehen mit den „Heiligen“ der dortigen Gemeinde, verliert Paulus nicht aus den Augen und schließlich erreicht er es. Man kann sich denken, dass er seine Gabe dort überbringen und helfen kann, Einheit zu stiften. Seine Verhaftung dort und die erzwungene Reise nach Rom sind wiederum ungeplant, aber selbst dieses große Missgeschick kann er in seine Mission integrieren und für sich arbeiten lassen.

Wie frei wären wir, wie machtvoll unsere Arbeit, wenn wir so leben könnten!

Ich wünsche uns eine Woche in Freiheit, im Segen des Herrn,
Ulf von Kalckreuth