Bibelvers der Woche 21/2020

Jerusalem 2018

Da sie das hörten, wurden sie froh und verhießen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn füglich verriete.
Mk 14,11

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Sammler von Schuld

Wenig wissen wir über Judas, obwohl er eine zentrale Rolle spielt im Schlussakt des Dramas um Schuld und Entsühnung im Neuen Testament. Judas gehörte zu den Zwölfen, zur engsten Schar um Jesus. Einige Zeit vorher war er mit den anderen von Jesus ausgesandt und mit Wunderkräften versehen worden, um zu missionieren und zu heilen. Er verwaltete die Kasse der Gruppe und hat Jesus nach Jerusalem begleitet auf dem Weg, der zum letzten Abendmahl und zu seinem Tod führen sollte. Und noch bevor alles begann, hatte er beschlossen, Jesus seinen Todfeinden ans Messer zu liefern. 

Warum nur? 

Das Neue Testament ist mit Antworten karg. Im gezogenen Vers wird als Motiv Geldgier angedeutet. Doch wer seine Tage und Nächte mit einer religiösen Gruppe verbringt, die sich der Besitzlosigkeit verschrieben hat, kann hier eigentlich nicht sehr anfällig sein. Johannes spricht davon, dass der Teufel in Judas gefahren sei. Das ist eher das Gegenteil einer Erklärung. Eine gängige Begründung lautet, Judas sei Zelot gewesen, Mitglied einer Gruppe, die den gewaltsamen Umsturz beförderte und plante, und der Verrat sei aus Enttäuschung über den gewaltfreien Kurs Jesu geschehen. Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Judas seinem Meister vorher nie zugehört haben sollte. Die schmale Stütze dieser Vorstellung ist der Beiname „Iskariot“. Das könnte auf einen „Sikarier“ verweisen, die ständig Messer mit sich trugen, bereit zum Attentat in Gottes Auftrag — aber eher auf eine Herkunft aus dem Dorf Kariot in Juda. Joh 13,26 macht es in meinen Augen klar, der Vers nennt ihn „Judas, Sohn des Simon Iskariot“. 

Irenäus von Lyon erwähnt (und verwirft) das Judasevangelium einer gnostischen Sekte. Darin wird Judas als herausgehobener Jünger beschrieben, der als einziger die Notwendigkeit des Opfertods Jesu versteht und den Weg dorthin ebnet, im Auftrag Jesu. Der Text war verschollen, tauchte aber 2006 in einer koptischen Fassung aus dem vierten Jahrhundert wieder auf. Literarisch spielte dieses „Evangelium“ aber bereits zuvor in der gewaltigen Jesuserzählung des jüdischen Autors Schalom Asch aus den dreissiger Jahren eine Rolle. Asch stellt Judas als einen Jünger zwischen abgründigem Zweifel und fanatischem Glauben vor, den der Stillstand fast um den Verstand bringt, bis er schließlich wie unter Zwang die Starre lösen, die Heilstat in Gang bringen will, die zum Reich Gottes führen soll.

Ist da ein Körnchen Wahrheit versteckt? In den Tagen vor seiner Verhaftung lebten Jesus und seine Jünger verdeckt, streng konspirativ — sie zeigten sich tags im Tempel, weil sie in der zugewandten Menge vor Verhaftung sicher waren und verschwanden abends wieder im Umland, in Betanien. Mk 14,12-16 schildert die Wege und Umwege, damit das Pessachmahl in Jerusalem gefeiert werden konnte. Sollte es also zur Kreuzigung kommen, mußten Jesus und seine Verfolger zusammengeführt werden. Judas‘ Tat war im Sinne des Neuen Testaments notwendig. Alle vier Evangelisten berichten, dass Jesus von Judas Verrat wusste, und dass Judas dies seinerseits bekannt war. Zwischen beiden herrschte eine Art Einverständnis. Bei Johannes sogar explizit: „Was du tust, das tue bald“, sagt Jesus zu seinem Jünger. 

Jesus löst von Schuld. Judas sammelt Schuld. Alle versagen: die Priester, die Schriftgelehrten, das einfache Volk, die Römer und auch die Jünger. Das Versagen macht den Opfertod nötig und führt ihn gleichzeitig herbei. Hierfür steht Judas, der Jünger aus dem engsten Kreis, als Allegorie der Schuld. Auf seine Art trägt auch er die Sünde der Welt. Mit dem Verrat und dem späteren Selbstmord wird er zum dunklen Bruder, zum Gegenbild, von Petrus oder sogar von Jesus selbst. In dem Moment, als Jesus und Judas beim Abendmahl gemeinsam den Bissen in den Becher tauchen, bedingen sie sich gegenseitig, beider Schicksal hängt am jeweils anderen.

Sonderbar: Jesus lässt Judas sehenden Auges an der Abendmahlsfeier teilnehmen, auf der er symbolisch den Leib für die anderen hingibt. Und Judas: er bleibt und geht erst dann hinaus in die Nacht. Ist Jesus eigentlich auch für Judas gestorben? Und Judas, schließlich, am Ende, für Jesus? 

Ich wünsche uns eine friedliche Woche in Gottes Segen,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 1/2019

Schlangen vertreiben; und so sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; auf die Kranken werden sie die Hände legen, so wird es besser mit ihnen werden.
Mk 16,18

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Letzte Worte

Weil sich um ein Satzfragment handelt, hier der ganze Satz, in der Übersetzung von 2017:

Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen. (Mk 16, 17+18)

Unser Vers steht ganz am Ende des wahrscheinlich ältesten Evangeliums. Markus berichtet knapp und präzise, Ausschmückungen sind ihm fremd. Bei ihm gibt es keine Geburtsgeschichte — der Bericht setzt ein, als Jesus bereits ein erwachsener Mann ist und am Ufer des Jordan seine Taufe von Johannes empfängt. Auch das Ende — Auferstehung und Himmelfahrt — wird ausgesprochen lakonisch erzählt, in nur 20 Versen, von denen allein die Hälfte auf die Szene vor dem leeren Grab verwendet wird. Der Auferstandene erscheint erst Maria Magdalena, dann zwei anderen, ungenannten Jüngern. Als die Berichte dieser drei bei den anderen nur auf Unglauben stoßen, zeigt er sich den versammelten elf Jüngern und schilt sie wegen ihres Unglaubens. Spätestens daran werden sie ihn erkannt haben… Es folgt die Aussendung, und dann der Vers oben; er enthält nichts weniger als die letzten Worte Jesu. Eine Woche nach Weihnachten…

Ein unerwartetes, abruptes Ende. Es ist ein Nachlass. Jesus Wundertätigkeit ist so charakteristisch für ihn wie kaum etwas anderes, und auf die glaubenden Nachfolger gehen diese Kräfte über. Jesus zählt auf, worauf sich die Jünger einstellen können — fünf „Zeichen“, im gezogenen Vers sind drei davon genannt: Der Glaubende vermag Schlangen mit den Händen hochzuheben, Gift kann ihm nichts anhaben und er kann durch Handauflegen Kranke heilen.

Beim ersten Lesen erinnert die Liste frappierend an weißmagische Praktiken. Manche der Handlungen bergen für den Ausführenden große Gefahr. Soll man diese Verse wörtlich lesen? Im Altertum war das Leeren eines Giftbechers gebräuchliche Hinrichtungsart. Paulus, dem es — auch nach eigenem Bekunden — nicht an Glauben mangelte, war durchaus überzeugt, dass seine Hinrichtung tödlich für ihn enden würde (siehe den Vers 2018/49). Aber er hat sich davon nicht schrecken lassen, nicht in der Missionstätigkeit vor seiner Verhaftung und auch nicht, als sein Leben tatsächlich zu Ende ging. Die Todesdrohung konnte ihm in der Tat nichts anhaben. 

Schlangen stehen in der Bibel für vieles: Streit und Sünde, aber auch Macht, Klugheit und sogar Weisheit und ewiges Leben, weil sie sich immer wieder häuten. Denkt man in erster Linie an Gift und Hader zwischen Menschen, so wäre es eine wunderbare, Gemeinschaft schaffende und erhaltende Gabe, Schlangen mit der Hand aufheben zu können. 

Jesu Reihung läse sich dann wie eine Assoziationskette: Das Austreiben von Dämonen geschieht im Neuen Testament durch intensive Ansprache dieser fremdartigen Wesen. Dazu gesellt sich unmittelbar die Rede in „neuen Zunge“. Wenn die Schlangen für Hass und Hader stehen, die der Glaubende aus dem System „herausnehmen“ kann, wäre das die natürliche Fortsetzung. Von der Schlange dann zum Gift, das dem Glaubenden nicht schaden kann, und vom Gift zum Kranken, zu einem anderen Menschen also, dessen Heilung der Glaubende mit einer Berührung seiner Hand (wieder der Hand) befördern kann. Vielleicht lässt sich die Kette nach diesem Muster auch fortsetzen, wie eine Zahlenreihe, so dass sie nacheinander alle wichtigen Aspekte des Lebens berührt. Die eigentliche Bedeutung der Aufzählung, ihr mathematischer „Grenzwert“, wäre dann: „Wenn ihr glaubt, vermögt ihr alles, worum ihr bittet.“ In dieser Form ist die Zusage an mehreren anderen Stellen des NT belegt, z.B. Mar 9:23, Mar 11:23, Luk 17:6, Mat 17:20.

Die drei im gezogenen Vers genannten übernatürlichen Kräfte, die Jesus den Glaubenden vermacht, sind die Fähigkeit zu heilen, die Fähigkeit, Streit aufzulösen und Frieden zu stiften und ein unbedingtes, lebensspendendes und lebenserhaltendes Vertrauen. Vielleicht sollten wir diese Kräfte im neuen Jahr einmal auf die Probe stellen. Wenn wir sie nur ein oder zweimal wirken lassen, können wir, mit Gottes Hilfe, ein oder zwei verfahrene, verzweifelte Situationen drehen.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 48/2018

Und die da gegessen hatten, waren fünftausend Mann.
Mk 6,44

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017

Ein Hauch von Woodstock

Jesus zog seine Umgebung durch zwei Fähigkeiten in den Bann: sein Charisma, mit dem er auch  solche Menschen „umdrehen“ konnte, die ihm nicht freundlich gesinnt waren, und seine Wundertätigkeit. In der Geschichte um diesen Vers herum begegnet uns beides. 

Jesus hat sich und seine Jünger überfordert. Es ergeht ihm wie einem Superstar, der seiner massenhaft auftretenden Anhänger nicht mehr Herr wird. Er ist am See Genezareth, und das Getümmel schwillt derart, dass er seinen Jüngern die Flucht befiehlt: alle steigen in ein Fischerboot und fahren zu einem unbewohnten Ort. Die Anhängerschar jedoch folgt ihnen zu Fuß. Nun steht eine große Zahl von Menschen bei ihrem charismatischen Lehrer weitab der Siedlungen. Der gezogene Vers spricht von 5000 Männern. Frauen und Kinder gab es außerdem, wie Matthäus in seiner Fassung der Geschichte berichtet. Eine Menge so groß wie eine deutsche Kleinstadt also umringt am Seeufer ihren Rabbi.

Und dieser lässt seine Kerze auf beiden Seiten brennen. Mit einer langen Predigt zieht er die Masse in seinen Bann. Der Abend bricht an. Stundenlang hat er zu den Tausenden gesprochen, ohne Mikrophon und Verstärker, völlig erschöpft muss er nun sein. Es gibt so gut wie keine Nahrungsmittel. Und auch andere Probleme entstehen ja, wenn so viele Menschen ohne Infrastruktur auf engem Raum sind. Wer ihn kennt, mag an den Film zu Woodstock denken.

Jetzt kann in der Tat nur noch ein Wunder helfen. Jesus hebt die irdischen Gesetze der Knappheit auf und lässt fünf Brote und zwei Fische so aufteilen, dass alle satt werden und noch körbeweise Essen übrig bleibt. Und später wird er seine Jünger schelten, dass sie aus diesem Ereignis nicht gelernt haben, sich zu öffnen und einfach zu vertrauen (Mar 8,19ff). 

Ganz einfach. Ganz einfach? Was bedeutet es denn für uns? Eine Warnung? Dass wir die Grenzen unserer Kräfte im Blick behalten sollen, auch und gerade im Erfolg? Nicht als Supermann auftreten und die Dinge ins Uferlose treiben? Oder doch das Gegenteil — voll Gottvertrauen den eingeschrittenen Weg weiter gehen und nicht auf das Ende sehen? Oder irgendwie beides?

Ich muss diese Frage weitergeben. Ich wünsche eine gute Woche, in der uns ungeahnte Kräfte tragen, auch wenn wir uns zu übernehmen drohen. 
Ulf von Kalckreuth