Bibelvers der Woche 9/2020

Wandelt weise gegen die, die draußen sind, und kauft die Zeit aus.
Kol 4,5

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Drinnen und draußen

Der Kolosserbrief ist ein Lehrschreiben des Paulus. Er handelt in erster Linie vom „Drinnen“ — wie soll man als Christ die Rettung, die Erlösung annehmen, wie sich stellen zu seinen Mitmenschen. Der Kern ist ein Bild: wir sind mit Christus gestorben und neu geboren. Gestorben der Welt und ihren Prioritäten, ihren Werten, ihren Kämpfen, Eifersüchteleien, ihrer Unreinheit und ihren Affekten; Zorn, Grimm, boshafte Worte. Neu geboren zu Christus hin und damit hin zur Fülle Gottes sind wir nicht mehr Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie. Die alten Unterscheidungen werden unwichtig, und auch die überlieferten kultischen Vorschriften. Der Begriff fällt nicht, aber es geht um das Reich Gottes, das mit Christus und in uns bereits begonnen hat. Die folgende Stelle, Kol 3,12-16, sagt, wie wir uns „drinnen“ verhalten sollen:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld; und ertrage einer den anderen und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen und seid dankbar. Lasst das Wort Christi reichlich unter euch wohnen: Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen. 

Wow! Wem das gelingt, gemeinsam mit anderen, dessen Leben ist gelungen! Auch der letzte Satz spricht mich persönlich sehr an. Aber da ist es doch immer noch, das „Draußen“, das wir eigentlich hinter uns gelassen haben, das doch eigentlich unwichtig ist — „Maya“ hätte Gautama Buddha es vielleicht genannt. Ich denke an mein Büro und all die Menschen, mit denen ich dort zu tun habe, und ich sehe, dass das Draußen fortbesteht mit seinen Forderungen. Es konditioniert unser Leben, auch unser Glaubensleben. Konsistent wäre es vielleicht, sich zurückzuziehen, dem Draußen so wenig Gewicht wie möglich zu geben, etwa Eremit zu werden oder Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft, die sich abschottet. Das gibt es in der Tat. Manche Gemeinschaften verbinden es mit Gleichgültigkeit, Geringschätzigkeit und abweisendem Verhalten.

Mit dem Bibelvers dieser Woche weist Paulus uns an, genau dies nicht zu tun. Wir sollen uns weise gegenüber denen verhalten, die draußen sind. Das bedeutet zunächst einmal, dass wir sie wahrnehmen sollen und uns auf sie einlassen. Sicherlich nicht bedingungslos, das wäre nicht weise, aber ebenso wenig sollen uns bedingungslos abgrenzen. Interaktion ist gefordert. Wir sollen die Zeit „auskaufen“, also gut nutzen und nicht teilnahmelos den Dingen ihren Lauf lassen. Der darauffolgende Vers 6 verdeutlicht: Eure Rede sei allezeit wohlklingend und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt

Paulus fordert, dass wir uns ernsthaft um die anderen bemühen sollen, dass wir kommunikativ sind, gewinnend, nicht abweisend, auch dann nicht hochmütig sind, wenn wir uns einbilden, Grund dazu zu haben. Dabei geht es hier gar nicht um Mission. Es geht darum, wie wir uns gegen unsere Mitmenschen stellen, „drinnen“ und „draußen“. 

Der Vers ist aktuell. Vor hundertfünfzig Jahren hätte man darüber nachdenken müssen, wer denn eigentlich gemeint sei mit „denen, die draußen sind“ — die Sozialisten, die Heiden in den Kolonien, Trunkenbolde vielleicht? Heute nicht mehr. Wie zu Paulus‘ Zeit ist der größte Teil unserer Umwelt „draußen“. 

Also: wir sollen eine Welt ernst nehmen, von der wir wissen, dass sie unwichtig ist!? Ja. Das Reich Gottes ist angebrochen und es ist unter uns, aber die alte Welt besteht fort. Wie Jesus im Reich Gottes lebte und zugleich in unserer Welt und endlich die Grenze gegenstandslos machte, so sollen wir es auch tun. Dem Kaiser geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Das geht nicht — aber anders geht es nicht…!

Lasst uns, in dieser Woche und darüber hinaus, mit Freude und mit Gottes Segen in beiden Welten leben, 
Ulf von Kalckreuth