Bibelvers der Woche 43/2020

Dies sind die Könige des Landes, die Josua schlug und die Kinder Israel, diesseit des Jordans gegen Abend, von Baal-Gad an auf der Ebene beim Berge Libanon bis an das kahle Gebirge, das aufsteigt gen Seir (und Josua gab das Land den Stämmen Israels einzunehmen, einem jeglichen sein Teil,…
Jos 12,7

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Einunddreißig Könige

Das ist ein sehr langer Vers, und der Satz ist noch nicht einmal vollständig. Er erstreckt er sich über fast den ganzen Rest des zwölften Kapitels. Zwei Dinge laufen hier zusammen. Zum einen leitet der Vers eine Art Lebensbilanz Josuas ein: es folgt nämlich eine Liste von nicht weniger als einunddreißig Königen, die Josua im Rahmen der Landnahme für das Volk Israel besiegt hat, beginnend mit dem Kampf um Jericho. Die Liste ist eine Art Inhaltsverzeichnis für das Buch Josua bis Kap. 12. Zum anderen wird im Vers vorweggenommen, was im 13. Kapitel folgt: Josua verteilt nämlich das gewonnene Land an die Stämme der Israeliten. 

Die Bilanz ist beindruckend. Einunddreißig Könige!  Ich habe vor kurzem einen Spiritual wiedergefunden, den ich als Kind im Chor gesungen habe: Little David, play on yo‘ harp — hier ist ein Link zur Version von Kenneth Spencer. Die zweite Strophe lautet:

Oh Josua was the son of Nun,
He never would stop till his work was done!

Aber eigentlich stimmt das gar nicht. Am Ende der Eroberungen ist die Arbeit nicht getan. Kap. 13 beginnt damit, dass Gott aufzählt, was noch alles einzunehmen bleibt; die Liste ist ebenso lang wie die Liste der besiegten Könige. Nun sei aber Josua alt und hochbetagt, und er solle daher das Land verteilen. Das tut Josua: er verteilt Land, das den Israeliten in weiten Teilen gar nicht gehört. 

John Steinbeck erzählt in „Of Mice and Men“ die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Männer, die miteinander als Wanderarbeiter umherziehen, weil sie einen großen gemeinsamen Traum haben: einst sich Land mit Haus, Kühen, Schweinen, Hühnern und Kaninchen zu kaufen und „to live off the fat of the land“. Der Hof ist ständig gegenwärtig. Er hält sie zusammen und sichert ihr seelisches Überleben, auch im tragischen Ende noch, als ein Freund den anderen erschießt.

Die Landverteilung an die Stämme ist Angelpunkt im Alten Testament. Mit der Zuweisung des Raums schafft sie Identität. Auf dem Weg durch die Wüste war die Landverteilung ein Versprechen, um das herum das Volk sich scharte. So blieb es auch nachher lange, bis zur Errichtung des Großreichs durch David und Salomo — für diese Wasserscheide der biblischen Geschichte siehe den BdW 2/2019. Die Nachfolgestaaten aber waren bald bedroht und in ihrer Existenz gefährdet und nacheinander wurden sie ausgelöscht. Da war das versprochene Land zum Bezugspunkt in der Vergangenheit geworden, der aber wiederum Identität für die Zukunft stiften sollte. Die Verfassung Hesekiels für das neue Jerusalem, den künftigen Gottesstaat unter der Führung des Messias, enthält eine neue Verteilung des Lands an die Stämme. So ist das Gelobte Land für die Juden bald Zukunft, bald Vergangenheit und wieder Zukunft, dabei aber immer höchst real, ein wenig wie der Gottessohn für die Christen. 

Was ist unser Bild für das Leben, unser Auftrag vielleicht? Und wohin sind wir gelangt? Am Ende von Josuas Leben stößt in diesem Vers das, was ist, gegen das, was sein soll. Einunddreißig Könige, und es reicht nicht, könnte man sagen. Welchen Sinn haben die Siege, wenn das Land nicht verteilt werden kann? Gott aber sagt: Doch! Es ist gut! Verteile alles!

So endet ein gesegnetes Leben. Und uns allen wünsche ich schon einmal eine gesegnete Woche, 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 50/2018

… Jereon, Migdal-El, Horem, Beth-Anath, Beth-Semes. Neunzehn Städte und ihre Dörfer.
Jos 19,38

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Die Sieger

Der gezogene Vers ist ein Satzfragment, daher erst einmal hier der unmittelbare Zusammenhang:

Und feste Städte sind: Ziddim, Zer, Hammat, Rakkat, Kinneret, Adama, Rama, Hazor, Kedesch, Edreï, En-Hazor, Jiron, Migdal-El, Horem, Bet-Anat, Bet-Schemesch. Neunzehn Städte mit ihren Gehöften. Das ist das Erbteil des Stammes Naftali nach seinen Geschlechtern, die Städte mit ihren Gehöften. (Jos 19,35-39)

Josua hat den Eroberungskrieg im Heiligen Land strategisch gewonnen, mit entscheidenden Siegen im Süden und im Norden. Doch die Eroberungen sind nicht abgeschlossen, und besiedelt ist das Land weiterhin von Kanaanäern. Dennoch bekommt Josua, der nun schon sehr alt ist, vom Herrn den Auftrag, die Verteilung des Landes vorzunehmen. Nachdem die beiden Schwergewichte — Juda und die beiden Josefsstämme — ihre Siedlungsräume erhalten haben, geht Josua wie folgt vor: der Zuschnitt des Landes für die verbleibenden Stämme wird im Konsens festgelegt, erst danach wird das Los geworfen. Das erinnert an die Technik, wie sie von Gefangenen bei der Teilung von Brot genutzt wird: der eine teilt, der andere wählt aus. 

Der Vers ist Teil der Beschreibung des Landes, das an den Stamm Naftali geht. Es ist eine schöne Gegend, ich war einmal da. Sie liegt im Norden Israels, umfasst den ganzen See Genezareth und zieht sich hoch bis unterhalb des Hermon.

Die Enumeration im Vers hat etwas Endgültiges, fast Überzeitliches. Aber das ist Illusion. Einerseits gehörte das Land zum Zeitpunkt der Aufteilung noch den Kanaanäern, und auch später bleiben die ursprünglichen Bewohner in einigen der im gezogenen Vers genannten Städte, siehe Ri 1,33. Andererseits gab es den Stamm Naftali schon gar nicht mehr, als das Buch Richter kompiliert wurde: sein Gebiet war mit dem ganzen Nordreich an die Assyrer gefallen, und diese hatten andere Ethnien angesiedelt. Und noch einmal zweitausendsiebenhundert Jahre später ist das Gebiet weitgehend israelisch, viele der früheren Bewohner haben es verlassen müssen… 

Bei meinem ersten Versuch, die Bibel ganz zu lesen, war ich etwa 15 Jahre alt, und ich habe ihn mitten im Buch Josua abgebrochen, vielleicht nicht weit entfernt vom Bibelvers dieser Woche. Es war einfach unerträglich. Historisch hat sich die Landnahme der Israeliten sicher nicht in der genozidalen Weise abgespielt, wie sie dort geschildert wird — die Archäologen finden keinen großflächigen Abbruch und Umbruch von Siedlungsstrukturen in jener Zeit, es sieht eher nach überwiegend friedlicher Durchmischung und Durchdringung aus. Zum guten Teil sind die Israeliten dann vielleicht Nachkommen von Gruppen, die „schon immer“ dort wohnten. Das Buch Josua verfolgt jedoch ein theologisches und gesellschaftlichen Erklärungsziel: Gott ist mit dem Volk, wenn es die Treue wahrt, er wird sich gegen das Volk stellen, wenn es ihn verläßt. Reinheit in der Entscheidung ist gefordert. Das ist Deuteronomium: Fluch und Segen in 5. Mose 28 und 30. Da gibt es eine Entsprechung und eine implizite Warnung an den Leser: So brutal die Einsetzung in das Erbe erfolgt, so brutal kann das Ende sein. 

Aber die Zuschreibung des Landes als Erbe an Naftali erinnert noch an etwas anderes. Die Orte haben bereits Namen, sie stammen aus der Zeit vor der Landnahme. Wir alle bewohnen Land, leben in Verhältnissen, die früher anderen gehörten oder heute anderen gehören könnten. Wir alle sind Kinder von Siegern, in einem ganz kreatürlichen Sinne: wir sind das letzte Glied einer schier endlosen Kette menschlicher und nichtmenschlicher Wesen, deren jedes sich fortpflanzen und das Überleben des Nachwuchses sicherstellen konnte. Zu jedem Zeitpunkt ist das vielen anderen nicht gelungen. Oftmals waren die Sieger, unsere Vorfahren, vielleicht nur genügsamer als die Verlierer, oder jene hatten einfach Pech. Oftmals aber haben die Sieger zum dem Ausgang aktiv das ihre beigetragen, in mancherlei Form. So war es immer, so wird es auch in tausend Jahren sein, in einer Welt, in der unsere Nachkommen vielleicht noch leben, vielleicht aber auch nicht. 

Wie fühlt man sich als Sieger? Ist denn der Herr mit den Siegern, oder siegt der, mit dem der Herr ist? Kain hat seinen Bruder Abel erschlagen, aber dennoch, trotz dieses ungeheuren Verbrechens steht er unter dem Schutz des Herrn, als derjenige, der die Fackel weiterträgt.  

Wenn es eine Erbsünde gibt, dann ist sie, so glaube ich, hier zu suchen. Unsere Existenz und die Voraussetzungen für unsere Existenz haben unendlich viel anderes weggedrängt, unmöglich gemacht in Zeit und Raum. Das ist unserem Leben eingeschrieben, unauslöschlich. Es wäre schön, wenn wir mit ebendiesem Leben dem Debit irgendwie gerecht werden könnten. 

Ich wünsche uns eine Woche, in der wir ein wenig dazu beitragen können, dass etwas gelingt, das es sonst nicht gegeben hätte. Vielleicht ist das die Antwort…
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 24/2018

Doch daß zwischen euch und ihr Raum sei bei zweitausend Ellen. Ihr sollt nicht zu ihr nahen, auf daß ihr wisset, auf welchem Weg ihr gehen sollt; denn ihr seid den Weg bisher nicht gegangen.
Jos, 3,4

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Seit dem Vers der letzten Woche ist eigentlich nur eine logische Sekunde vergangen. Zwischen dem Ende des 4. Buchs Mose und dem Anfang des Josua-Buchs liegt zwar das ganze Deuteronomium, aber dieses enthält kaum neue Handlung. Das Volk Israel liegt immer noch am Jordan, gegenüber Jericho. Mose ist gestorben und Josua hat die Führung übernommen. Er hat nun den Befehl gegeben, den Jordan zu überqueren. Die Würfel fallen…

Jericho liegt 7 km westlich vom Jordan und 5 km nördlich vom Toten Meer in einer unwirtlichen Gegend. Zwei Späher hatten die Topographie um Jericho und die Lage in der Stadt erkunden, aber sonst kannte sich niemand aus. Wie nun den Marsch koordinieren? Josuas Lösung: Der HErr sollte führen, die Bundeslade vorangehen, getragen von levitischen Priestern. Die Lade ist für den Marsch ein „moving target“, die Israeliten sollen ihren Marsch an ihr ausrichten. Und nun dieser merkwürdig klingende Befehl: „Ihr sollt nicht zu ihr nahen, auf dass ihr wisset, auf welchem Weg ihr gehen sollt, denn ihr seid diesen Weg bisher nicht gegangen“. Mindestabstand 2000 Ellen, etwa ein Kilometer!

Die in Numeri beschriebene zweite Volkszählung hatte ergeben, dass die Streitmacht der Israeliten zu Beginn der Landnahme mehr als 600.000 Mann umfasste — das ist etwa die dreifache Größe der Bundeswehr von heute. Sie alle sollten sich an der Bundeslade ausrichten. Man kann sich ausmalen, was ohne dies Abstandsgebot geschehen würde. Große Gruppen, Trauben von Menschen, würden die Lade einhüllen. Diejenigen, die weiter hinten wären, könnten sie nicht mehr sehen, und die weiter vorne stünden, hätten keine Orientierung mehr im Raum. Die Krieger würden richtungslos im wüstenhaften Gelände mäandern, sich im Kreise um sich selbst und um die Lade drehend und könnten nur durch blanken Zufall in die Nähe von Jericho gelangen. Schlimmer noch: wenn jeder möglichst nahe dran sein wollte, könnte es zu einer unkontrollierbarer kollektiven Dynamik kommen, die „Love Parade“ in Düsseldorf steht uns vor Augen.

Auf der Handlungsebene ist die Anordnung von Josua also in der Tat ohne Alternative. Und im übertragenen Sinne? Wieviel Abstand brauchen wir zu dem, das uns die Richtung weisen soll? Wieviel Abstand von unseren Zielen? 

Als Vater fällt mir ein, dass man mit Abstandslosigkeit Kindern dauerhaft nichts Gutes tut. Kenntlich, als Orientierungspunkt und Autorität, ist man nur in gewisser Distanz. Aber auch den eigenen Zielen, Prioritäten, Wünschen und Bedürfnissen gegenüber muss man als Erwachsener inneren Abstand wahren, um den Überblick zu behalten und ein Gefühl dafür, in welche Realität, welche Topographie sie eigentlich eingebettet sind. Und eine dritte Ebene gibt es: Wir denken uns Gott heute gern harmlos, weil er „gut“ ist. Die Bibel ist jedoch voller Verweise darauf, dass Gott in seiner Größe für uns ohne Abstand schlicht unerträglich ist, ja tödlich sein kann. Auch das schwingt im gezogenen Verse mit.

Also: 2000 Ellen lebensrettender Mindestabstand. 

Ich wünsche uns eine gute Woche!
Ulf von Kalckreuth