Bibelvers der Woche 52/2019

Ein Knecht aber des Herrn soll nicht zänkisch sein, sondern freundlich gegen jedermann, lehrhaft, der die Bösen tragen kann…
2. Tim 2,24

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Die „Bösen tragen“

Hier ist der letzte BdW in diesem Jahr. Er richtet sich an diejenigen, die Führungsaufgaben in der Gemeinde haben, im weiteren Sinne aber auch an jeden, der geistliche oder weltliche Führung übernimmt: nicht nur Politiker und Manager, auch Eltern, Lehrer und Leiter von Arbeitskreisen.  

Zum besseren Verständnis hier zunächst den vollständigen Satz in der Fassung von 2017: 

Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, einer, der Böses ertragen kann und mit Sanftmut die Widerspenstigen zurechtweist. Vielleicht hilft ihnen Gott zur Umkehr, die Wahrheit zu erkennen und wieder nüchtern zu werden aus der Verstrickung des Teufels, von dem sie gefangen sind, zu tun seinen Willen.

Die Aufforderung enthält drei Elemente: 

  1. Wir sollen das, was wir gelernt und erfahren haben, weitergeben, in Paulus Worten: „lehrhaft“ sein. Unser Wissen und unsere Erfahrungen sind ein Schatz, den Gott uns anvertraut. Wir sollen den rechten Gebrauch davon machen 
  2. Wir sollen freundlich dabei sein, nicht „zänkisch“. Das steht mit Absicht sogar an erster Stelle. Und es ist schwer. Wenn ich von einer Wahrheit überzeugt bin und noch dazu den Auftrag habe, sie weiterzugeben — wie soll ich die Geduld bewahren, wenn andere nicht interessiert sind, nicht zuhören, nicht verstehen, gar spotten? Wie soll ich ruhig bleiben, wenn andere aus guten oder weniger guten Gründen das gerade Gegenteil behaupten?
  3. Das, was uns dennoch an Unwillen entgegenschlägt, sollen wir ertragen und standhaft bleiben. Auch das ist schwer. 

Ein Vers für mich, denke ich. Als ich ihn las, dachte ich nicht zuerst an Führung im Gemeindekontext, sondern an meine Rolle als Vater. „Lehrhaft“ bin ich, sicher, diesen Auftrag habe ich immer ernst genommen. Aber bei den anderen beiden Forderungen sieht es viel schlechter aus. Ich musste auch an meine Arbeit denken. Vor einigen Jahren bin ich an den Forderungen 2 und 3 gescheitert, weil für mich Forderung 1 über allem stand.

Da gibt es Rückkopplungen. Je schlechter es um Forderung 3 bestellt ist, umso schwerer ist Forderung 2 zu erfüllen. Und umgekehrt — je gereizter jemand auftritt, umso eher wird er Reaktionen ernten, die schwer zu verdauen sind. 

Wir müssen unsere Aufgaben ernst nehmen. Und ohne Freundlichkeit, und ohne die Fähigkeit, ungerechte und verletzende Reaktionen anderer zu ertragen, können wir sie nicht erfüllen. Das weiß jeder, der mit Kindern zu tun hat. Warum ist es denn dann so schwer? Wenn wir unfreundlich werden, und wenn wir uns zu leicht verletzen lassen, geht es eigentlich nicht mehr um unsere Aufgabe, sondern um unsere Eigenliebe. Ist sie verletzt, so hindert uns dies an allem anderen. Im Grunde lädt uns also Paulus ein, unsere Eigenliebe zu vergessen und NUR an die Aufgabe zu denken. Denn dann dienen ja die zweite und dritte Forderung der ersten, es gibt keinen Widerspruch und kein Problem! 

Aber ist das denn möglich? Ich selbst bin gescheitert, ich darf das fragen. Auch Paulus hatte seine Probleme. Bei Forderung 2 hilft uns, dass wir uns als Erlöste sehen dürfen. Wir müssen nichts beweisen, wir müssen nicht unbedingt recht behalten, wozu? Und Forderung 3 zu erfüllen ist dann nicht schwer, wenn und solange wir uns als Kinder Gottes sehen und den anderen auch. Und wenn es um das Wort Gottes geht, steht Forderung 1 für „Knechte Gottes“ über allem.  

So kann es gehen, aber man muss stark bleiben. 

So kann man die drei Forderungen auch in anderen Situationen erfüllen. Immer dann jedenfalls, wenn wir ehrlich überzeugt sind, dass die Aufgabe wichtiger ist als unsere Eigenliebe. Stellen wir fest, dass es nicht so ist, können wir uns guten Gewissens einer neuen Aufgabe zuwenden — wir müssen uns nicht allem zur Magd machen!

Es freut mich, dass ich das alte Jahr mit diesem Vers abschließen durfte. Ich wünsche uns eine gute Woche, in der wir freundlich sind zu jedermann und von anderen nichts Böses ertragen müssen. Und mitten darin in dieser Woche liege ein fröhliches Weihnachtsfest für alle! 
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 49/2018

Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, auf daß durch mich die Predigt bestätigt würde und alle Heiden sie hörten; und ich ward erlöst von des Löwen Rachen.
2. Ti 4,17

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

In des Löwen Rachen

Der 2. Timotheusbrief ist ein anrührendes und ausgesprochen persönliches Schreiben. Paulus sieht sich am Ende seines Lebens und schreibt seinem vertrauten Jünger und Freund Timotheus, den er einst selbst getauft und sogar beschnitten (!) hat (Apg 16). Der Brief ist gleichzeitig Testament und dringende Bitte um Beistand. 

Von Theologen wird die Echtheit der beiden Briefe an Timotheus in Frage gestellt. Der Duktus weiche von dem der anerkannt echten Briefe ab, so heißt es, und die darin aufscheinenden Gemeindestrukturen gehörten einer späteren Zeit an. 

Diese Argumente kann ich selbst nicht beurteilen. Beim 2. Timotheusbrief würde es sich in diesem Fall aber nicht um eine „normale“ pseudepigraphische Schrift handeln, in der jemand offen und mit Wissen des intendierten Lesers den Namen einer anerkannten Autorität benutzt, um den geistigen Hintergrund eines Schreibens zu bezeichnen; der Brief wäre vielmehr eine gezielte Fälschung. Der Schreiber hätte dann nämlich alles nur Erdenkliche getan, um durch viele Einzelheiten und persönliche Anspielungen den Eindruck zu erwecken, Paulus sei tatsächlich der Verfasser. Wir wären in der Sphäre des Bibelkrimis. Als Fälscher — cui bono — käme in erster Linie Timotheus selbst in Frage, oder jemand, dem die Autorität von Timotheus wichtig war.

Ich kann konzeptionell nur schwer damit umgehen, dass der Vers der Woche „in Wahrheit“ eine Fälschung ist. Aber ich glaube es auch gar nicht. Wenn Theologen unserer Zeit diese Schrift durch bloße Betrachtung als Fälschung entlarven könnten, dann wäre dies den Zeitgenossen mit ihrem größeren kontextuellen Wissen noch viel leichter gefallen. Und mit seinen vielen Invektiven gegen namentlich genannte Personen gibt der Brief ja durchaus persönlichen Anlass für kritische Betrachtungen.

Paulus ist in Rom. Die erste Gefangenschaft dort und die Verhöre, an die er im Vers zurückdenkt, waren glimpflich ausgegangen, sie mündeten in einen Hausarrest und er konnte sich in Rom recht frei bewegen und kommunizieren. Nun ist er wieder eingekerkert, vermutlich im Zuge der Christenverfolgung unter Nero, und diesmal ist alles ganz anders. An seinem bevorstehenden Tod hat er keinen Zweifel. Er ist schwach und friert, er bittet Timotheus um den Mantel, den er in Troas zurückgelassen hat (siehe den Vers 30/2018).

In den letzten Zeilen des Briefs fühlt Paulus sich alleingelassen und zählt namentlich diejenigen auf, die ihn im Stich gelassen haben. Auf der Suche nach Trost, weit entfernt vom inneren Gleichgewicht, denkt er zurück an die Verhöre seiner ersten Gefangenschaft und jetzt wird er sehr jüdisch: er gerät in eine alte Fahrrinne, die über viele Jahrhunderte vorgezeichnet ist, allgegenwärtig in den Psalmen und auch bei den Propheten. Völlig allein ist er und die Feinde umringen ihn, der Rachen des Löwen ist aufgesperrt – im Wortsinn. Aber der Herr steht ihm bei, rettet ihn und der Betende verkündet öffentlich den Namen des Herrn und sein Wort. Eine genaue Parallele ist Psalm 22, 12‑24, aber auch Psalm 35, 17f passt gut. Daniel in der Löwengrube (KW 35) und die drei Freunde im Feuerofen (KW 31) folgen demselben Muster, auch das uralte Miriamslied, der Kern der Exoduserzählung.

Vielleicht sind dies die letzten schriftlichen Worte des Völkerapostels. Wer könnte ein solches Ende fälschen? Und wenn es so wäre, so enthielten sie doch eine Wahrheit jenseits der Wahrheit.

Der Herr stehe uns bei, wenn die Nöte uns umringen, in dieser Woche und immer. 
Ulf von Kalckreuth