Bibelvers der Woche 31/2020

Ein Weib ist gebunden durch das Gesetz, solange ihr Mann lebt; so aber ihr Mann entschläft, ist sie frei, zu heiraten, wen sie will, nur, dass es im Herrn geschehe.
1. Kor 7,39

Hier ist ein Link für den Kontext des Verses, zur Lutherbibel 2017.

Ehe, Welt und Reich Gottes

Als Paulus seinen ersten Brief an die von ihm selbst gegründete Gemeinde in Korinth schrieb, lag der Tod Jesu etwa 25 Jahre zurück. Der Schock dieses Todes, die ungläubiges Staunen nach der Auferstehung und die Euphorie des Neubeginns im Heiligen Geist hatten die Anhänger Jesu damals buchstäblich aus der Zeit genommen. Das muß wunderbar gewesen sein: im Heiligen Geist leben und gemeinsam das Reich Gottes erwarten, das nun jeden Augenblick hereinbrechen musste! Die Institutionen der Welt — Ehe, Geld, Gesetze, Steuern und auch das komplexe Geflecht der jüdischen religiösen Regeln — sie bestanden noch, aber im Kern waren sie unwichtig.  

Wider Erwarten aber bleibt die Welt. Paulus beginnt seine Missionsreisen in die griechische Welt, gründet Gemeinden und sorgt sich um ihren Bestand, er sucht nach Regeln für das Leben der Menschen miteinander und mit Gott. Der Korintherbrief atmet eine doppelte Verankerung: Paulus und seine Zeitgenossen leben für das Reich Gottes, das sie weiterhin für die nahe Zukunft erwarten, aber eben doch auch in der Welt. 

In gezogenen Abschnitt geht es um die Ehe. Im und für das Reich Gottes ist sie ohne Bedeutung, aber in der Welt ordnet sie vielfältige Forderungen: Sexuelle Anziehung und Bedürfnisse sind eins, der biologische Fortbestand das andere, Versorgung in Alter und Krankheit das dritte. Wenn es die Ehe nicht gäbe, man müsste sie glatt erfinden. Heute gibt es die Ehe für alle. Sie scheint selbst das Verblassen der Unterschiede von Mann und Frau zu überleben.

Mit Blick auf das Reich Gottes gibt es einen latenten Konflikt: „Wer ledig ist, der sorgt sich um die Sache des Herrn, wie er dem Herrn gefalle, wer aber verheiratet ist, der sorgt sich um die Dinge der Welt, wie er der Frau gefalle, und so ist er geteilten Herzens“ (1. Kor 7,32b-34a). Das ist die Begründung für den Zölibat in der römisch-katholischen Kirche.

Ehelosigkeit ist ein guter Weg für den, der ihn zu gehen vermag, sagt Paulus. Aber Ehelosigkeit ist nicht für jeden richtig. Die Heiligkeit und die Integrität des Leibs und damit auch der eigenen Persönlichkeit gilt es zu bewahren: wer in Verlangen brennt, soll heiraten und kann dies im Wissen tun, auch so Gottes Willen zu erfüllen. Das eheliche Zusammenleben ist der Sünde enthoben. 

Es sind häßliche Bilder, die ihm vor Augen stehen, das macht der vorangehende Abschnitt deutlich. Seine Präferenz für einfache und reine Lösungen nimmt er zurück. Statt dessen setzt er Regeln. Sie sind symmetrisch. Im Judentum durfte der Mann sich von seiner Frau scheiden lassen, die Frau hingegen war an ihren Mann gebunden. In Nachfolge Jesu verlangt Paulus von beiden gleichermaßen, einander die Treue zu bewahren, die bestehende Ehe ist heilig.  Wenn hingegen keine Ehe besteht, oder sie mit dem Tode eines der Partner erloschen ist, empfiehlt Paulus die Ehelosigkeit als Lebensform, die besser auf das Reich Gottes vorbereiten kann. Er selbst ist ehelos und wirbt dafür. 

Unser Vers spricht von der Bindung einer Frau an ihren Mann und davon, dass der Tod diese Bindung löst. Wie will sie den weiteren Lebensweg gestalten? Sie ist frei, sich wieder zu verheiraten. Die Situationen, in denen diese Entscheidung getroffen werden muss, sind vielfältig wie das Leben. Paulus hat eine Präferenz: „Seliger ist sie aber, nach meiner Meinung, wenn sie unverheiratet bleibt“. Aber das bleibt eine allgemeine Tendenz; entscheidend ist, dass sie den Weg geht, der ihre Integrität wahrt.

Hier, wie im ganzen Abschnitt, herrscht eine auffällige Unbestimmtheit. Die Gemeinde selbst hatte um Rat in der sache gebeten (1. Kor 7,1) und Paulus muss viele Gesichtspunkte im Blick behalten. Die widerstreitenden idealtypischen Forderungen, die Welt und Reich Gottes stellen, schaffen einen Freiraum. Mehrere Wege können richtig sein, und es hängt ganz davon ab, wer unterwegs ist.

Mit seiner Antwort hat Paulus die Lebensfähigkeit seiner Gemeinde im Blick, auch die langfristige, und die Gangbarkeit der Lebenswege ihrer Mitglieder. Sie hatte eben schon begonnen, die Zeit, in der Christen zugleich in der Welt und für das Reich Gottes leben. Mit nur einem Leib und einer Seele: Avatare gab es noch nicht… 

Eine gesegnete Woche wünsche ich uns, mit unseren Eheleuten oder ohne sie,
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 19/2020

Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?
1 Kor 1,20

Hier ist ein Link zum Kontext in der Lutherbibel 2017.

Weisheit und Torheit

Paulus hat ein Problem. Seine Botschaft richtet sich an Juden und auch an die griechisch akkulturierten Heiden. Für die Juden entspricht Jesus mit seinem Kreuzestod überhaupt nicht dem Bild des strahlenden Messias, der das Königtum wieder aufrichtet und ein Reich Gottes unter der Herrschaft Israels begründet. Die Griechen wiederum hatten sich um die Zeitenwende von ihrer polytheistischen Götterwelt im Grunde verabschiedet, sahen sie nur mehr als Gleichnis. Was Paulus mit „Weisheit“ bezeichnet, ist konkret die stoizistisch geprägte griechische Philosophie seiner Gegenwart. Und die war messerscharf und anti-transzendent. Das Leben ist Leiden, das Gewordene ist zum Vergehen bestimmt, und nicht die Götter helfen, sondern eine Schau auf das Leben und der eigenen Person, die sich von den Bedingtheiten des Lebens löst. Das Leiden überwindet, wer lernt, es zu ertragen. Die Botschaft vom rettenden Gott, der die Waagschalen der Welt ins Gleichgewicht zurückführt, der das große Sühneopfer in Gestalt seines Sohns selbst bringt — sie war für die Philosophen irrelevant, irreführend oder sogar Opium fürs Volk. 

Paulus kann diese Position nicht widerlegen, obwohl er es durchaus einmal versucht (siehe Apg 17,16ff), sie ist konsistent, auch heute noch. Die christliche Botschaft erfordert einen Akt des Glaubens, einen geistigen Sprung ins Leere, und ist so gesehen „unvernünftig“. Die rhetorischen Fragen im Vers bereiten Paulus‘ Antwort vor:  

Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.
(1 Kor 1, 22-25)

In der ganzen Bibel gibt es eine konsequente Tendenz, weltliche Werte umzuwerten und das Unterste zuoberst zu kehren. Vor einem halben Jahr hatten wir einen Bibelvers der Woche aus Kohelet, siehe den Link:

Ich sah Knechte auf Rossen und Fürsten zu Fuß gehen wie Knechte.
Koh 10,7 (BdW 2019 / 38)

Paulus schreibt, dass Gott sich auf eine ganz eigene und unverkennbar „gott“hafte Weise empirisch manifestiert: es ist das Kleine, das mit Gott das Große überschattet, das Schwache, dass mit Gott sich durchsetzt und das Starke überwuchert. Das genaue Gegenteil also des Erwartbaren. Das nimmt eine Kernströmung im Tanach auf und es macht Kreuzestod und Auferstehung unmittelbar plausibel. Den Philosophen sagt er, dass Gott und seine Liebe größer sind als die menschliche Vernunft (Phi 4,7), dass Gott zu groß ist, um sich berechnen zu lassen.

Die rhetorischen Fragen im Vers kann man sich in Ruhe selbst stellen. Man wird dann schnell bescheiden. Wo das Fassungsvermögen nicht ausreicht für das, worauf es ankommt, schlägt Weisheit in Torheit um, und — vielleicht! Das ist die Hoffnung! — umgekehrt. 

Das ist ein Geheimnis ganz eigener Art, und ich wünsche uns in dieser Woche von beidem, Weisheit und Torheit, die rechte Mischung.
Ulf von Kalckreuth

Bibelvers der Woche 42/2018

Denn ihr seid teuer erkauft; darum so preist Gott an eurem Leibe und in eurem Geiste, welche sind Gottes.
1. Kor 6,20

Hier ist ein Link für den Kontext, zur Übersetzung von 2017.

Von der Heiligkeit unseres Leibs

Gottes Schöpfung und Christi Tod machen uns wertvoll vor Gott, darum sollen wir uns, unseren Leib und unseren Geist, schützen und heilig halten, sie gar zu unserem Lobpreis machen. Im Vers scheint eine zentrale Stelle des Alten Testaments auf: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott! (3. Mose 19, 2b).  Achtlosigkeit uns selbst gegenüber ist verfehlt, stattdessen haben wir allen Grund zu Achtsamkeit — Achtsamkeit, diese moderne und doch alte Vokabel. 

Darüber hinaus aber steht der Vers in einem Kontext. Paulus spricht in den Abschnitten rund um den Vers von diversen Aspekten des „Lebens eines Christenmenschen“, und speziell von der „Hurerei“. Mit dem griechischen „porneia“ sind alle Formen sexuellen Fehlverhaltens gemeint. Aber was genau wird abgelehnt? Zu Beginn des Abschnitts werden einige Aspekte aufgezählt: „Unzucht“, Ehebruch, Homosexualität. Insgesamt handelte es sich wohl um alle Formen freiwilliger Sexualität außerhalb der Ehe — soweit sie denn nicht selbst zur Ehe führen: Hatten zwei junge Menschen sexuellen Umgang miteinander und heirateten dann, so galt dies im Nachhinein nicht als „porneia“.

Der uns so geläufige konsensuale sexuelle Umgang miteinander vor und außerhalb der Ehe verbot sich seinerzeit von selbst: Für Frauen bedeutete es den Verzicht auf Ehe und damit auf elementare soziale Absicherung. Für Mann und Frau also Verantwortungslosigkeit pur. Das mag auch beitragen, die große Bedeutung von Homosexualität in der griechischen Kultur zu erklären. 

Und heute? Was gibt uns der Vers mit seinem Kontext? Man kann sich entschließen, die Sexualmoral der Paulusbriefe wörtlich als Forderung an die heutige Zeit zu verstehen. Dann bleibt Sexualität legitim nur in der Ehe zwischen Mann und Frau, die im Übrigen unauflöslich ist. Das ist die Sicht vieler Christen, katholischen wie evangelischen, dort verstärkt aus dem freikirchlichen Bereich. Ein kurzer Streifzug im Internet ist sehr aufschlussreich.

Aber ist es so einfach? Und sind wirklich alle Formen des ehelichen Zusammenlebens gut? Man kann auch die Worte von Paulus im ersten Schritt auf die kontemporären Sitten im griechisch geprägten Kulturraum und deren gesellschaftliche Voraussetzungen beziehen. Aber was ist dann der zweite Schritt, was soll — im Lichte dieser Worte — heute gelten? 

Der Vers gibt uns eine wunderbare Richtschnur in die Hand, die zugleich abstrakt und ungeheuer trennscharf ist und fordernd: wir sind teuer erkauft, darum sollen wir den Herrn preisen mit Geist und Körper… 

Weisheit liegt im Unterscheidungsvermögen, an diesem möge es uns nicht fehlen in dieser Woche!
Ulf von Kalckreuth