Bibelvers der Woche 33/2018

Joas aber sprach zu allen, die bei ihm standen: Wollt ihr um Baal hadern? Wollt ihr ihm helfen? Wer um ihn hadert, der soll dieses Morgens sterben. Ist er Gott, so rechte er um sich selbst, dass sein Altar zerbrochen ist.
Ri 6,31

Hier ist der Link zu Kontext in der Lutherbibel 2017. Der folgende Vers 32 gehört untrennbar dazu, daher sei er hier angefügt: 

Von dem Tag an nannte man Gideon Jerubbaal, das heißt „Baal streite mit ihm“, weil er seinen Altar niedergerissen hat.

Wenn man lange genug auf einen Vers blickt, geraten manchmal Kategorien ins Wanken. Das Richterbuch erzählt von einer Zeit großer Unbestimmtheit. Das Gelobte Land ist erobert — oder vielleicht doch nicht? Liest man die ersten Seiten des Richterbuchs, so hat es eher den Anschein, als bewohnten die Israeliten in Kanaan einzelne Geländetaschen, und sind ihren jeweiligen Nachbarn mal überlegen, mal unterlegen, mal im Frieden. Das „Volk“ Israels besteht aus zwölf Stämmen, die kaum kooperieren, manchmal sogar Krieg gegeneinander führen und außer ihrem Gott wenig gemein haben. Und oft noch nicht einmal diesen: die Kulte der Kanaaniter um Ba’al und Astarte sind allgegenwärtig und sehr attraktiv für die Stämme. Und warum auch nicht? Selbst das Bild Gottes unterscheidet sich noch nicht sehr von dem anderer Götter in Kanaan. Auch in dieser frühen Zeit jedoch ist bereits das Bilderverbot ein hartes Unterscheidungsmerkmal.

Der Abschnitt, in dem der Vers steht, handelt von Gideon, dem Sohn des Joas. Für ihn gibt es in zwei Erzählkreisen zwei Namen. Als junger Mann zerschlägt er die Altare Baals, die seinem Vater gehören, und zerhackt die Statue der Astarte. Er nimmt das Holz der Statue, um dem Gott Israels ein Opfer zu bringen. In diesem Erzählkreis heißt er Gideon, der gezogene Vers steht an seinem Ende. In der folgenden Erzählung schlägt er die Midianiter, welche die Israeliten hart bedrücken, vernichtend. Hier heißt er an mehreren Stellen „Jerubbaal“. Der Name lässt aufhorchen. Er bedeutet „Baal streitet“. Es ist ein „theophorischer“ Name, wie Jisra’el (Gott kämpft) und Jisma‘el (Gott hört). Im zweiten Teil dieser Namen steht „El“, eines der Namen Gottes, der erste Teil ist das Imperfekt eines Verbs in der 3. Person Sg. Ähnlich gebildet ist auch Johannes („Gott ist gnädig“), wobei dort die Kurzform „Ja“ des Gottesnamens in der ersten Silbe steht. 

Der Name „Jerubbaal“ bezieht sich deutlich hörbar nicht auf den Gott Israels, sondern auf Baal! Der Kämpfer gegen Baal trägt also einen Namen, der ihn unter den Schutz Baals stellt. Die Verse 31 und 32 adressieren dieses Problem und machen zwei Festlegungen. Zum einen wird der Name politisch korrekt gedeutet — Jerubbaal heißt nicht einfach „Baal streitet“, sondern der Name bedeutet „Baal soll nur streiten (wenn er kann)“. Grammatisch ist das denkbar, das hebräische Imperfekt gibt das her, und mit dieser Interpretation wäre es ein Spottname auf Baal — allerdings einer mit einem enormen Potential für Missverständnisse. Weiterhin stellen die beiden Verse fest, dass Gideon den Namen Jerubbaal als Zweitnamen erhält, wie Jakob den Namen Jisra‘el. Die mit diesen beiden Namen bezeichneten Personen sind also in Wahrheit eine einzige.

Und wenn die Verse nicht im Buch stünden? Dann gäbe es einerseits Jerubbaal, einen genialen und furchtlosen, dem Baal zugewandten israelitischen Heerführer, der die Midianiter vernichtend schlägt und dessen Sippe ins Unglück gerät, weil er Gold aus der Beute einschmelzen lässt, um ein Standbild zu erstellen und zu verehren — sowie andererseits Gideon, einen zornigen jungen Anhänger des Gottes Israels, der sich im Kampf gegen den Baalskult gegen den eigenen Vater wendet, von diesem schließlich aber vor der aufgebrachten Menge gerettet werden muss. 

Sehr unbestimmte Zeiten waren das! 

Für diese Woche wünsche ich uns Klarheit in den Kategorien. Wir selbst müssen sie schaffen, die Welt schenkt sie uns nicht…
Ulf von Kalckreuth

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